Wehret den Anfängen

Während andere Städte sich mit der Reichspogromnacht, zynisch auch „Reichskristallnacht“ genannt, im Jahr 1938 auseinandersetzen, https://www.facebook.com/landau.de/ gibt es in den sozialen Netzwerken z.B. auf Facebook unter https://www.facebook.com/WaiblingenStadtportal/ Informationen über Umbauarbeiten im örtlichen Eiscafe und in der Waiblinger Facebook Gruppe https://www.facebook.com/groups/215660181952943/?ref=share Diskussionen über „Döner statt Brezeln“. Sollte uns das zu denken geben?

Spuren nationalsozialistischen Verbrechens in Waiblingen: der Stolperstein für Berta Kahn (Foto: Wiedenhöfer)

Frisch verliebt

„Wunderschöner Garten Gottes“ – so soll Kaiser Josef II im Jahr 1777 bei einer Reise durch Württemberg das Remstal bezeichnet haben. Ob’s stimmt oder nicht durften wir alle jetzt selbst überprüfen. Es galt, das Naturparadies direkt vor unserer Haustüre neu zu entdecken. Die Remstal Gartenschau hat in den vergangenen 164 Tagen das 78 Kilometer lange Flusstal zwischen Essingen und Neckarrems nachhaltig verändert.

Neugestaltet und neu erlebt. Während im Amazonas medienwirksam die Urwälder brennen, in den Anden die Wüsten für Seltene Erden zerstört werden, die Meere mit Plastik geflutet und die Tundra durch Ölleitungen seziert wird, zeigt die Remstal Gartenschau, was regionale Naturverbundenheit bewegen, was nachhaltiger Umgang mit Flora und Fauna im direkten persönlichen Umfeld für Nutzen bringen kann. Renaturierte Uferzonen, Spielplätze für die Kleinen, Fahrrad- und Wanderwege für die Großen. Biergärten, idyllisch in bestehende Landschaftssysteme integriert, historische Altstädte an den Fluss neu angebunden. Das alles macht Sinn. Das alles macht Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist mit Klimawandel, Erderwärmung und Naturzerstörung – dass wir den Blick nicht verloren haben auf das was uns wichtig ist und letztendlich unser Überleben sichert. Bitte, es geht doch!

Ein herrlich buntes Mosaik von Spiegelungen in der Rems hat meinen Blick auf die Heimat neu geschärft. Hinter jeder Flussbiegung gab’s was Neues zu entdecken. Nicht gekannte Ein- und Ausblicke auf die Natur, die Menschen, die Landschaft und das unglaublich breite kulturelle Angebot. Eine Spielwiese für jedes Alter, eine Bühne für Pflanzen und Menschen. Und eine Plattform, sich der Heimat neu zu nähern, diesen angestaubten Begriff frisch zu überdenken. Zu erkennen: wer sich die Mühe macht, genauer hinzusehen, kann die Heimat, diesen sentimentalen Sehnsuchtsort, neu entdecken. Nicht digital, nicht global, trotzdem modern und zeitgemäß. Auf zu neuen Ufern!

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Die Erleninseln in Waiblingen

Ein herzliches DANKESCHÖN an die 16 Städte und Gemeinden, die das alles möglich gemacht haben. Dank an die Kommunen, die mutig investiert haben. Dank an alle Vereine, Organisationen und ehrenamtlich Engagierten, die sechs Monate im Sommer des Jahres 2019 zu einem für das Remstal unvergesslichen Ereignis gemacht haben. Sechs Monate, die mich verzaubert zurück lassen. Frisch verliebt. Hals über Kopf. Ins Remstal.

Sommerabend im Remstal bei Endersbach

Titelfoto: Am ‚Remsstrand‘ in Waiblingen (alle Fotos: W. Wiedenhöfer)

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Alpendämmerung

Filmabend im Forum Süd
Alpendämmerung – Die Alpen ohne Gletscher
Ein Dokumentarfilm von Thomas Aders und Wolfgang Wanner

Freitag, 18. Oktober 2019, 19.30 Uhr
Forum Süd im Martin-Luther-Haus, Danziger Platz 36, Waiblingen
Eintritt 5,- €

 

Für die Rettung der Gletscher in den Alpen ist es längst zu spät und ihr Ende nur noch eine Frage der Zeit. „Sterbebegleitung“ nennt der Schweizer Glaziologe Matthias Huss seine Klettertouren. Als Leiter des wissenschaftlichen Gletschermessnetzes vermisst er etwas, das die Europäer bald vermissen werden: das blaue Eis der Alpen.

Die Gefahren durch Gletscherschmelze nehmen drastisch zu.

Zudem gibt es wegen des Klimawandels jedes Jahr deutlich mehr „Extremwetterlagen“, Starkregen unterstützt die Abbruchtendenzen massiv. Die Folge: Erdrutsche und Bergstürze wie im Schweizerischen Bondo oder im österreichischen Valsertal. In der Schweiz werden bereits Siedlungen zurück gebaut, Menschen müssen ihre Häuser für immer verlassen. Wie gehen die Menschen in den Bergen mit dem Gletschersterben um und wie stellen sie sich auf veränderte Bedingungen ein? Am Aletschgletscher wird sein Dahinschwinden von den Einheimischen betrauert wie das Dahinscheiden eines guten alten Freundes.

Die Wirtschaft in den Alpendörfern hängt vor allem vom Wintertourismus ab. Experten gehen davon aus, dass es etwa zur Jahrhundertmitte nur noch über 2000 Meter ausreichend natürlichen Schnee zum Skifahren gibt. Das bedeutet das Aus für etwa 70 Prozent der Skiorte in den Ost-Alpen, wie manche Wissenschaftler vorher sagen. Doch statt Alternativen zu entwickeln, wird weiter in den Skitourismus investiert. Mit Schneekanonen wird dem Klimawandel getrotzt und Beschneiungsanlagen in immer höhere Regionen gebaut. Der Verlierer steht schon fest: die einzigartige alpine Landschaft. Sie wird durch Bodenverdichtung und Erosionen zerstört.

Einige Gemeinden erstellen bereits Modelle für den Alpin-Tourismus der Zukunft. Angesichts steigender Temperaturen wird die kühlere Bergwelt für Touristen vor allem im Sommer immer attraktiver werden.

Das Verschwinden der Gletscher als Wasserspeicher ist schon heute ein großes Problem. Landwirte im Engadin leiden bereits unter Wassermangel. Seit Jahrhunderten benutzen sie Schmelzwasser zur Bewässerung. Im vergangenen extremen Sommer brachten Helikopter Wasser zu den Kühen auf den Graubündner Alpen.

Die Hydrologin Carmen de Jong rechnet damit, dass in vielen alpinen Skigebieten das Wasser künftig knapp wird. Und doch betreiben die Menschen weiter Raubbau an Eis und Schnee – aus Liebe zu den Bergen und zum Wintersport.

Ein halbes Jahr haben die Autoren die Alpen beobachtet, von Slowenien bis in die Schweiz – eine Abschiedsreise zu den Gletschern.

 

Die Autoren:

Wolfgang Wanner berichtet als Auslandskorrespondent für die ARD aus der Schweiz.

Dr. Thomas Aders war Jahrzehnte lang für die ARD als Korrespondent in Südamerika und im nahen Osten tätig. Seit 2017 ist er weltweit für die SWR Auslandsredaktion tätig. Im Jahre 2018 beschäftigte er sich schwerpunktmäßig mit der Veränderung des Klimas und den Auswirkungen auf die Lebensbedingungen in den europäischen Alpen sowie dem Phänomen von umweltbedingter Massenmigration.

Tomy Aders wird bei der Veranstaltung da sein, eine Einführung geben und anschließend Fragen beantworten.

Abgefahren: junger Blick auf alte Straßen Was für eine Resonanz!

Nie erwartete 170 Besucherinnen und Besucher waren am vergangenen Dienstagabend in den Schwanensaal geströmt zur ALi-Veranstaltung „abgefahren – junger Blick auf alte Straßen“.

Eine internationale Gruppe von Studierenden der Fachhochschule Geislingen/Nürtingen hat im Rahmen ihres Masterstudiums Ideen entwickelt für ein Waiblingen mit weniger Autos, weniger Lärm und mehr Lebensqualität , hat diese Ideen – mal auf Deutsch, mal auf Englisch- einem höchst interessierten Publikum präsentiert- und anschließend eine Diskussion entfacht, die tatsächlich auf Veränderung hoffen lässt.

Da war eine auf Waiblingen zugeschnittene App für Pendler, die sich so besser vernetzten könnten für gemeinsame Fahrten zur Arbeitsstelle und wieder heim. Einbinden könnte man hier nicht nur größere und kleinere Betriebe sondern auch zum Beispiel Behörden wie Rathaus oder Landratsamt.

Jede Menge Nachholbedarf wurde auch in Sachen Radfahren deutlich: Wer bei der Leihstation am Bahnhof ein Zweirad bucht, muss es zwingend wieder am Waiblinger Bahnhof zurückgeben. Es sei denn er radelt, warum auch immer, nach Endersbach zum nächstmöglichen „Stall“. Keine Chance zum Beispiel in der Marktgarage oder- prima Idee für S-Bahn-Pendler- auf der Korber Höhe.

Das Sahnestück im Angebot der Studis war zweifellos die Idee vom Shared Space unter der unteren Fronackerstraße. Gleiches Recht für alle, die sich dort die Straße teilen – dem schwächsten Glied, also dem Fußgänger, gebührt die Rücksicht von Radlern und Autofahrern. Die Idee hat voll gezündet im Schwanensaal, vollends, nachdem Professor Sven Kesselring, Chef der Geislinger Studenten, den Charme dieser Lösung erläutert und die Zumutungen nicht verschwiegen hatte. Na ja, womöglich müssten die Querparkplätze weichen damit die Fronackerstraße in ihrem unteren Teil wieder mehr zum Flanieren und Verweilen einlädt. Aber dafür gibt‘s in nächster Nähe ja gleich drei Tiefgaragen. Und es gäbe auf einem potentiellen Shared Space mehr Raum für Cafés – und endlich die Chance, sich dieses irgendwie verlorene Areal wieder zurückzuerobern, als Bewohner, als Einkaufender, als Waiblinger, der auch außerhalb der Fußgängerzone seine Stadt wieder mehr genießen will.

Dr. Kesselring machte Mut zur Veränderung, blickte weit über den Tellerrand hinaus nach Kopenhagen und in andere europäische Metropolen, die seinen Rat suchen, und lieferte als Mitglied des Strategiedialogs Automobilwirtschaft auch den nötigen Überbau. Unterstützt wurde er dabei von Valentin Gauß, persönlicher Referent von Baden-Württembergs grünem Verkehrsminister Winne Herrmann. Ob‘s denn in seinem Ministerium auch einen Topf für gute Ideen gebe, fragte ihn Moderatorin Gisela Benkert, die im Übrigen auch Initiatorin und Ideengeberin des gesamten Projekts war. „Durchaus“, meinte er. Aufgehorcht haben da natürlich drei Vertreter des Waiblinger Bauamts, die sich den Abend auch nicht entgehen lassen wollten.

Lebhaft war die Diskussion, ALi-Rätin Iris Förster hatte Leute am Saalmikrofon, die quasi schon mit den Füßen scharrten – und andere, die auch ein bisschen Angst hatten. Nicht zuletzt die schlechten Busanbindungen der Teilorte, auch im Hinblick auf eine immer älter werdende Bevölkerung in Waiblingen kam zur Sprache. Es war ein Abend, der etwas verändern könnte. Ein Abend der Mut machte und auch ein wenig Druck. Und es wird weitergehen.
Am glücklichsten waren die anwesenden Studis: Ying-Wei aus Taiwan , Motaz aus Syrien, Boniface aus Gambia, Adrian und Manuel aus Deutschland und Tarane aus dem Iran. Mit dem Laptop unterm Arm und einer Sonnenblume im Rucksack zogen sie aus dem Schwanensaal. Sie haben auch für ihre eigene Zukunft gekämpft.

abgefahren: junger Blick auf alte Straßen

Von Gisela Benkert

Waiblingen ist klasse – eigentlich. Aber Waiblingen ist in die Jahre gekommen, wird immer älter, bräsiger, zementierter, diese Stadt scharrt nicht mehr mit den Füßen, ist irgendwie im Stau stehengeblieben, entwickelt sich kaum, ist nicht wirklich „zukunftsfähig“, hat zu wenig Ideen, lebt, als gäbe es kein Morgen.

Mensch, probiert doch endlich mal wieder was aus, das nicht den Namen Gartenschau trägt! Schaut endlich hin, wenn sich Autoschlangen durch Wohngebiete quälen, wenn Gehwege zugeparkt sind, Radler und Fußgänger Kopf und Kragen riskieren. Mensch, gebt uns unsere Stadt zurück – zum Genießen, Verweilen, Einkaufen, zum drin Leben!

Das ist ein Imperativ – und angesprochen fühlen dürfen sich alle, die fürs Wohl und Wehe der Stadt zuständig sind – die Leute im Rathaus, der Gemeinderat und natürlich die Bürgerinnen und Bürger selbst.

Manchmal tut ein Weckruf gut – und den haben jetzt Studentinnen und Studenten eines internationalen Masterstudiengangs für nachhaltige Mobilität an der Fachhochule Nürtingen übernommen.
Wie kam’s? Ich als alte Waiblingerin war hocherfreut, als mein Neffe, damals noch mitten im Studium der Ingenieurswissenschaften, Fachbereich Verkehrsplanung,
bei seinen Tanten-Besuchen in der Stauferstadt ein ums andere mal befand: „Ihr habt aber eine merkwürdie Verkehrplanung hier“. Seine Analyse in etwa: Freie Fahrt für Freie Bürger, und das noch ziemlich exzessiv. Irgendwie nicht zukunftsweisend.

Er war zu jener Zeit mehrfach mit seinen Mitstudenten auch in europäischen Städten unterwegs, um studienhalber quasi einen jungen Blick auf alte Stadt-Straßen zu werfen.
Samt Analyse und Vorschlägen zum Bessermachen. Genau diese Idee wurde nun für Waiblingen aufgegriffen: Auf Einladung der Alternativen Liste und der Grünen waren Nürtinger Studenten wochenlang staunend, kopfschüttelnd und ideenreich hier unterwegs. Haben viele Gespräche geführt, Filme gedreht von endlosen Autoschlangen in der Fronackerstraße und Bahnhofstraße, sie haben den Weg von Leihrädern aus der Box ins stauferstädtische Nirwana aufgezeigt – und am Ende drei Projekte durchgeplant, die das Leben in Waiblingen ein bisschen besser machen sollen. Sie haben quasi auch geplant für eine Stadt, in der sie selber gerne Leben wollen.

Im übrigen war die Waiblinger Delegation schon beim ersten Beschnuppern im Nürtinger Hörsaal hin und weg gewesen: soviel junge Begeisterung, solch ein Elan, soviel unbedingter Wille, was richtig Gutes abzuliefern, toll!
Und zwei aus der Truppe waren sogar schon vorab mal durch Waiblingen geschlendert: „Eine sehr schöne Stadt habt ihr, aber…“
Beim nächsten Date an der Hochschule lagen schon faszinierend viele Vorschläge auf dem Tisch, jetzt wollen die Studierenden aus aller Herren Ländern ihre fertigen Arbeiten vor möglichst vielen Leuten in Waiblingen präsentieren.

Neugierig geworden? Dann einfach am kommenden Dienstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr in den Schwanen kommen.
Zusammen mit ihrem Professor Sven Kesselring wollen die Studis ihre Ideen vorstellen.
Lauter praktikable Vorschläge für eine Stadt, die besser werden muss.

Was dann wie und ob überhaupt nachher umgesetzt wird – die Waiblingerinnen und Waiblinger haben’s selbst in der Hand.
Vielleicht muss man sich einfach mal ein bisschen anschuggen lassen. Ein bisschen Feuer fangen. Nicht bloß klagen sondern machen.

Mehr Infos gibt’s unter: www.ali-waiblingen.de

Brot und Brötchen in Hülle und Fülle

Es ist angerichtet!

Tag für Tag wandern körbeweise Backwaren nach Ladenschluss in den Mülleimer. Das kann niemand gut finden.
Bei uns gibt es inzwischen eine gut erprobte Alternative: sogenannte Lebensmittelretter tragen sich auf der Foodsharing-Plattform  für die abendliche Abholtour ein und nehmen aus den kooperierenden Bäckereien mit, was am Abend übrig geblieben ist.
Am nächsten Morgen werden die Backwaren ins Jakob-Andreä-Haus, dem Gemeindehaus der Evangelischen Michaelskirche, gebracht. Dort kann sich jeder bedienen bis alles weg ist.
Auch ein öffentlicher Kühlschrank (Fachjargon „FairTeiler“) steht dort.
Der funktioniert ähnlich simpel: Wer etwas übrig hat, legt ein, wer gebrauchen kann, nimmt mit. Ganz einfach!
(Zugegeben – ein paar Regeln gibt es schon. So dürfen keine verdorbenen Waren eingelegt werden und es gibt keine Haftung für die Qualität. Hier zählt der gesunde Menschenverstand.)
Das Jakob-Andreä-Haus ist montags bis freitags von 8-18 Uhr geöffnet.
Wer informiert werden will, wann es wieder Brot gibt, schickt einfach eine Nachricht an 0174-1307088 und wird in die whatsApp-Gruppe aufgenommen. Dann gibt’s die Nachrichten direkt aufs Handy.

Fazit: Es ist gar nicht so schwer, die Welt ein Stück besser zu machen.

Übrigens: Wir haben früher schon mal über den Kühlschrank berichtet.

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Achtung, diese Stimme kann süchtig machen

Ein Interview mit Melanie Diener über magische Momente und das Hören mit dem Herzen

Von Gisela Benkert, nachzulesen in der Waiblinger Wundertüte 2.0

Oper? Na ja, nicht so gerne. Das sind doch diese Kreischtanten mit den gepuderten Perücken und gerüschten Reifröcken. Aber die Karten sind geschenkt, jetzt gehst Du halt hin. Und lauschst im Bürgerzentrum diesem Lied, „An den Mond“ aus „Rusalka“ von Dvorak. Mit Gänsehaut fängt es an, dann beginnt der Zauber. Subkutan. Plötzlich ist alles warm und weich und fließend. Gestandene Männer haben feuchte Augen. Hilfe, was passiert da? – Eine Stimme hat sie alle gepackt. Jetzt hören sie mit dem Herzen. So soll es sein. Und es ist oft so, wenn Melanie Diener singt. Eine Waiblingerin auf den Bühnen der Welt. Und daheim ein Wundertüten-Gespräch über Bayreuth, erkältete Sänger, magische Momente und Schlaflieder für Jonas.

Was ist Musik für Dich?
Musik ist für mich Leben, ich könnte nicht ohne sie sein! Alles besteht doch aus Schwingungen, Holz klingt, Steine klingen, Wasser, wenn es tropft, Vögel singen, Tiere haben ihre eigenen Laute –Musik ist einfach Leben! Sie kann das Leben nur positiv beeinflussen.

Wie schafft eine junge Sängerin mit Kleinkind aus dem Stand eine solche Weltkarriere? Grad noch Begleitprogramm bei einer Vernissage in der Waiblinger Kleinen Galerie, wenig später die Elsa im Bayreuther Lohengrin?
Es hat sich so ergeben. Irgendwann hab ich vorgesungen bei Antonio Pappano in Brüssel, für einen Mozart-Abend. Pappano sollte im Jahr drauf in Bayreuth den Lohengrin dirigieren, er dachte sich offenbar, da könnte ich auch als Elsa passen. Ich, Wagner? Wenig später hab ich dann tatsächlich bei Wolfgang Wagner vorgesungen. Er wollte mich unbedingt haben, nur Willy Decker, der Regisseur, stellte sich eine andere Elsa vor. Pappano und Wagner setzten sich durch, Decker wurde durch den Regisseur Keith Warner ersetzt.

Im Juli 1999 debütiert also eine bis dato ziemlich unbekannte Sopranistin ausgerechnet in Bayreuth und bekommt auch noch fantastische Kritiken, feiert einen grandiosen Erfolg – das muss doch traumhaft gewesen sein …
… ich hab das ehrlich gesagt gar nicht so realisiert. Es war erst im Rückblick der Knaller. In der Situation hab ich einfach gearbeitet. Und dann wusste ich erstmal gar nicht, ob ich die Premiere überhaupt singen kann. Bei der Generalprobe war mir eine Kulissenwand auf die Schulter geknallt, ich ging zu Boden, hatte einen total verspannten Rücken, zum Singen nicht ganz ideal. Hat aber dann doch alles geklappt.

Überhaupt diese Atmosphäre in Bayreuth …
… ist schon umweht vom Geist der Geschichte. Wolfgang Wagner hab ich sehr strukturiert erlebt, sehr professionell. Er war morgens der erste und abends der letzte im Haus, nur die Stunde Mittagsschlaf war unantastbar.

Du hast drei Jahre hintereinander in Bayreuth gesungen, warst aber nie fest an einem Haus. Dafür sind von Anfang an die allerersten Adressen in Deinen Terminkalender gepurzelt …
… und auch das hat sich ergeben aus einem Vorsingen, damals in London beim Chef von Covent Garden. Mit drin saß – was ich gar nicht wusste – der Festivalleiter von Garsington. Und als ich wieder zurück war in Wablingen, kam mir schon mein Mann Frieder entgegen: „Du, das Faxgerät spuckt und spuckt …“ London, Garsington, Paris, Mozart, Mozart, Mozart ..
Alles noch vor Bayreuth.

Du singst jetzt seit 20 Jahren an den größten Opernhäusern der Welt, gibst aber auch eher intime Liederabende auf kleineren Bühnen – wie hat sich das Publikum im Laufe der Zeit verändert?
Die Masse will den Event, Brot und Spiele wie im Römischen Reich. Man geht dorthin, wo Leute auftreten, die „bekannt sind aus Funk und Fernsehen“. Open Air auf dem Münchner Odeonsplatz zum Beispiel. Das hat mit dem klassischen Betrieb wenig zu tun, da wird auch kein neues Publikum angefüttert. Das klassische Opernpublikum ist nach meiner Wahrnehmung gleich geblieben. Simon Rattle hat zwar in Berlin Rhythmus- und Tanzprojekte für junge Leute angeboten, in die Oper kommen trotzdem nach meinem Empfinden noch zu wenig.

Aber jüngst bei Tristan und Isolde war die Straßburger Oper doch voll von jungen Leuten.
Straßburg hat eine Musikhochschule, die Infrastruktur vor Ort macht den Unterschied. Es gibt verbilligte Karten, Stehplätze, das gilt auch für Wien oder Stuttgart. Nach dem Tristan in Mulhouse kamen vor ein paar Wochen Eltern mit ihrer siebenjährigen Tochter zu mir hinter die Bühne. Das kleine Mädchen hat sich überschwänglich bedankt – und die Eltern hatten zuvor Angst gehabt, dass sie die fünf Stunden Oper überhaupt durchsteht …

… es hat sie offenbar gepackt, es ging ihr unter die Haut, wie gelingt das?
Es gelingt, wenn man eine emotionale Glaubwürdigkeit der Figuren schafft. Dann packt es die Zuhörer schon.

Braucht es technische Perfektion, damit Gesang wirkt, die Zuhörer berührt? Sind Automatisierung und Routine die Voraussetzungen für den künstlerischen Höhenflug?
Ja, und das geht nur über üben, üben, üben. Jeder, der eine Passion hat, muss üben. Wie Dirk Nowitzki beim Basketball. Es braucht die extrem gute Vorbereitung, wenn man’s schleifen lässt, rächt sich das sofort.

Kennst Du als Sängerin diesen flow – nicht mehr an den Text denken, die Partitur, sich einfach hingeben und abheben?
Kommt nicht so oft vor. Bei Fidelio konzertant mit Kurt Masur in Paris isch’s oifach gloffa. Das Publikum war total gepackt, das spürt man auf der Bühne. Beim Bolshoi-Rosenkavalier in Moskau dieses Jahr gab es auch diese hingerissenen Momente, ganz unmittelbar, toll.

Geht man dafür auf die Bühne, vor tausenden von Menschen, für diesen Moment?
Irgendwie schon. Es ist das Bedürfnis, etwas auszudrücken, es zu teilen, wenn dann diese Resonanz kommt, ist es perfekt. Perfekt für diesen Moment. Das strebt man an, das tut einfach verdammt gut. Eben dieses teilen zu wollen, schwülstig gesagt: sich zu verströmen. Das sind dann die magischen Momente, fürs Publikum und die Sängerin.

Können Dirigenten oder Regisseure da mithelfen?
Klar, sie können unterstützen, mit Kostümen, mit Licht, mit Klangfarben. Den größten Erfolg hatte ich immer, wenn ich mir treu geblieben bin, wenn ich echt war, nur so erreicht man diese Magie. Ein Gefühl darf nicht „erzeugt“ werden, es muss aus mir entspringen.
Und dann kommen die Kritiker und stellen fest, dass Du dreimal einen halben Ton zu tief warst und zweimal einen zu hoch…
Wenn ein Abend darauf reduziert wird, tut’s weh. Viele Kollegen lesen keine Kritiken mehr, sie wissen selbst am besten, was sie falsch gemacht haben.

Aber Du liest sie …
Ja, und ich ärgere mich auch. Vor allem, wenn drei Leute total unterschiedlich urteilen und man den Eindruck hat, sie wären in drei verschiedenen Aufführungen gewesen. Aber Kritiker sind auch nur Menschen …

Publikum rast – Melanie Diener ist unzufrieden und wundert sich …
Dann war es technisch nicht perfekt, aber total emotional!

Oper – da denkt mancher immer noch an Kreischtanten in Reifröcken. Dabei kommt Oper heute oft ziemlich zeitgeistig daher …
… und das ist auch ein bisschen desillusionierend, wie Opern Moden unterliegen. Das Publikum will heute oft mehr fürs Auge, als fürs Ohr. Passionierte Zuhörer machen auch mal die Augen zu und hören nur … Es ist ja auch nicht immer leicht, für einen 1,82-Meter-Sopran wie mich einen adäquaten Tenor zu finden. Schlussendlich muss eine gelungene Oper gleichrangig etwas für Auge und Ohr bieten.

Kann man guten Regisseuren weniger gute Ideen ausreden?
Mal stand mir die verordnete gelbe Bluse so gar nicht. Man muss auch selber wissen, was für einen funktioniert. Die Bluse war nachher rot und die Idee kam natürlich vom Regisseur selbst …

Singen ist Hochleistungssport, wie „trainierst“ Du?
Genügend Schlaf, viel frische Luft, Sänger schwimmen viel, weil das gut ist für Ausdauer und Atmung, ohne dass einen das Eigengewicht beschwert. Und dann nicht zu spät und nicht zu viel essen …

Singen ist Arbeit mit dem ganzen Körper. Neurologen verordnen das Singen schwer depressiven Patienten und die sagen hinter-her: „Ich spüre mich wieder.“ Singen, sagen Fachleute auch, ist ein extrem guter Spannungsregulator.
Demnach müsste unsere hochangespannte Gesellschaft heute kollektiv dem Chorgesang anheimfallen … Sind Sänger wirklich die entspannteren Menschen?
Kann man so nicht sagen. Sänger spüren sicher ihren Körper mehr – der Psychodruck bleibt aber wie in jedem anderen Beruf, auch der selbstgemachte. Grundsätzlich aber wäre diese Welt ganz sicher ein besserer Ort, wenn die Menschen mehr singen würden.

Wenn in einer Weinhandlung italienische Musik läuft, kaufen die Leute mehr italienischen Wein. Auch das haben die Fachleute recherchiert und belegen damit, dass Musik ein Verführer ist. Kann man sich gegen solche Verführungen eigentlich wehren?
Nein! Das geht erstmal voll auf die emotionale Ebene und somit direkt ins Unterbewusstsein. Man kann aber lernen, bewusster zu hören. Was im übrigen auch manch menschlichem Gespräch gut täte …

Wie erkennt man, ob man diese große Partie heute abend definitiv nicht singen kann?
Wenn die Erkältung oben sitzt, geht’s noch, wenn sie runter rutscht, geht nichts mehr. Mir ist die Erkältung mal mitten im zweiten Akt Lohengrin in Bayreuth runtergerutscht. Irgendwie hab ich’s rumgekriegt, in der Pause kam der Arzt, Luftröhrenentzündung, nichts ging mehr. Zum Glück war Ersatz da, eine Kollegin ist eingesprungen.

Sonstige schreckliche Momente auf der Bühne?
Bolshoi-Premiere Rosenkavalier. Erster Akt. Der Dirigent ist nach zehn Minuten einfach rausgegangen. Das Orchester spielte drei Minuten lang führungslos weiter, dann übernahm der Assistent und rettete die Premiere. Der Dirigent lag mittlerweile mit schwerer Grippe im Krankenhaus.

Mehr Anekdoten, please!
Cosi fan tutte mit Claudio Abbado in Ferrara. Mein Unterrock war nicht richtig gebunden und rutschte mitten in einer Aufführung runter. Ich zog ihn dann notgedrungen einfach aus und gab ihn weiter an Despina. Die hat ihn beiseitegeschafft- und Abbado hat bloß noch geguckt … Oder diese Bühnenorchesterprobe an der Met, auch Cosi. Ich saß auf einem Hocker, der gab unter mir nach, ich bin in meinen Reifrock hineingesunken, thronte auf der Bühne wie ein weiblicher Pavarotti – wir haben uns alle weggeschmissen vor Lachen!
Applaus, Applaus, dann abschminken und ab ins Hotelbett. Fällst Du auch ins berühmte schwarze Loch?
Blöd ist das schon, man ist ja noch lange high durch diese ganze Anspannung, irgendwann bist du dann aber doch fertig. Das eigentliche Loch kommt am nächsten Tag, wenn das Adrenalin abgebaut ist. Aber das ist halt so, es gehört zur Routine.

Was hast Du Deinem Sohn Jonas früher vorgesungen – und was hat das bis heute, wo er fast 20 ist, für Auswirkungen?
„Guten Abend, gute Nacht“ zum Beispiel, aus London mal in der Probenpause sogar übers Telefon. Wenn man ihm im Kindergarten was vorgesungen hat, konnte er sofort das ganze Lied nachsingen. Inzwischen hat er andere Interessen.

Gibt es unmusikalische Menschen?
Nein! Es gibt nur Leute, die nie gelernt haben, mit Musik umzugehen. Wenn sie es aber wirklich wollen, auch später noch als Erwachsene, können sie durchaus „musikalisch“ werden. Ein Kind aber lernt noch spielerisch das Klavierspielen, viel leichter als ein Erwachsener, weil bei Kindern noch die Motorik viel besser funktioniert, sie denken einfach weniger drüber nach. Erwachsene sind im Kopf weiter, aber die Motorik hinkt hinterher.

Bist Du eine Diva?
Wenn damit Professionalität gemeint ist, ja. Die zickige Variante, die manchen Sängerinnen angeheftet wird, verstehe ich eher als PR-Gag.

Kann man reich werden als Sängerin?
Reich geworden bin ich nicht, aber ich kann gut von meinen Gagen leben. Anna Netrebko ist sicher reicher – dank Werbeverträgen. Ich habe halt nicht jene Faktoren im Angebot, auf die Werbeleute heute abfahren.

Ab wann ist man als Sängerin eigentlich alt – oder zu alt?
Das hängt nicht vom zahlenmäßigen Alter ab –eher davon, dass man als Sängerin irgendwann nicht mehr interessant ist, nicht mehr in Mode. Und natürlich, wenn irgendwann die Stimme weg ist. Man kann sich aber auch Madonna zum Vorbild nehmen, die sich seit Jahrzehnten immer wieder neu erfindet.

Der Klassikbetrieb wird oft totgesagt, wird immer mehr zur Geldfrage …
Musikkultur wird tatsächlich immer mehr an Geld gemessen, wird oft als Preisfrage gesehen, dabei gehören Kultur, Kunst und Musik seit Beginn der Menschheit zum Leben dazu. Es geht halt immer mehr ums Geld, das schlägt sich zum Beispiel auch in immer kürzeren Probezeiten nieder. Die Gagen werden weniger, Auftrittsmöglichkeiten für internationale Künstler brechen weg, ganz aktuell zum Beispiel im Zuge der Eurokrise in Spanien oder Italien.

Gibt es eigentlich Freundschaften unter Bühnenkollegen?
Don Giovanni an der New Yorker Met. Mitten in der Aufführung musste ich eine Schräge hoch, hab die Röcke gerafft, einer blieb unten, mein Fuß blieb hängen, ich bin vor 4000 Leuten auf die Fresse geknallt. Hinter der Bühne kam Rainer Trost zu mir, mein Tenor-Kollege aus dem Schwabenland: „Bisch okee?“ – „Noi“. Der Fuß wurde immer dicker, das Menuett konnte ich nicht mehr mit ihm tanzen. Nach dem ersten Akt ging’s in New York ins Krankenhaus, Bänderriss. Ich wollte heimfliegen, die Met wollte, dass ich eine Woche später bei der letzten Aufführung dabei bin, die wurde im Radio übertragen. Anna Netrebko hat mich während meines Krankenstandes im Appartement bekocht. Sie ist eine prima Kollegin. Und ich bin dann zum Finale singend mit einem koketten Schirmchen als Krückstock über die Bühne gehumpelt. – Als unlängst zwei Sängerkollegen aus Düsseldorf bei diesem schrecklichen Flugzeugabsturz in den französischen Alpen tödlich verunglückten, hatte ich auch das Gefühl, dass wir alle wieder ein bisschen enger zusammengerückt sind.

 

Melanie Dieners neuestes Projekt für Waiblingen ist die Internationale Opernwerkstatt, ins Leben gerufen zusammen mit Thomas Hampson und der Stadt Waiblingen.

Hier die Einzelheiten: https://www.internationale-opernwerkstatt-waiblingen.de/willkommen