Totenkopfs Turm totalsaniert

Es tut sich was am Mühlkanal. Eine der idyllischten Ecken der Waiblinger Altstadt steckt schon seit Wochen im Stahlkorsett. Der Karzerturm unterhalb der Nikolauskirche wird generalsaniert, vom Keller bis zum Dach schick gemacht, nicht zuletzt für die Remstal Gartenschau 2019.

Karzerturm am Mühlkanal mit Baugerüst

Vorstand und Beirat des Waiblinger Heimatsvereins durften sich dieser Tage bei einer Baustellenführung durch die untere Denkmalschutzbehörde vom Baufortschritt überzeugen. Der Turm, im malerischen Ensemble mit Mauergang, Kapelltor und Apothekergarten stadtbildprägender Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung an der Rems, ist eines der ältesten heute noch erhaltenen baulichen Zeugnisse Waiblinger Stadtgeschichte. Michael Gunser, Leiter des Waiblinger Hochbauamts und Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde in Waiblingen, der es sich in seiner Funktion als Beirat des Heimatvereins nicht nehmen ließ, persönlich über die Baustelle zu führen, bezeichnet das historische Gemäuer gar als einen „für viele Waiblinger identitätsstiftendenden Teil der Altstadt“.

M. Gunser, Fachbereichsleiter Hochbau / Untere Denkmalschutzbehörde; Foto: Wiedenhöfer

Die Laube auf dem Turm, lauschiger Platz mit Traumblick aufs Grün der Erleninsel, wird von maroden Holzteilen befreit und ab Frühjahr 2018 in neuem Glanz erscheinen, ohne den Zauber der, immerhin bereits aus der Biedermeierzeit stammenden, Gartenlaubenromantik zu verlieren.

Die Laube auf dem Karzer wird ausgebessert; Foto: Wiedenhöfer

Einen Stock tiefer, im eigentlichen ‚Karzer‘, dem über den Wehrgang der Stadtmauer zugänglichen Turmzimmrt, hauste von je her und haust auch zukünftig der berühmt-berüchtigte Totenkopf. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll sich dieser allerdings während der Bauarbeiten einen ruhigeren Teil der Stadtmauer als Übergangsquartier gesucht haben.

Außenmauer mit Schießscharte des Karzers; Foto Wiedenhöfer

Tatsächlich bringen die Bauarbeiten insbesondere im unteren Teil, dort, wo am Fuß der mächtigen Stadtmauer der Mühlkanal fließt, überraschendes zu Tage. Offensichtlich diente der Turm einst als befestigter Zugang zum Wasser. Zugemauerte Torbögen lassen vermuten, dass hier früher eine Art „Zwinger“, ein durch eine Schutzmauer gesicherter Weg, aus der Stadt heraus führte.

Zugemauerter Durchgang Richtung Bädertörle im Turmsockel; Foto: Wiedenhöfer

Möglicherweise diente der Bereich am großen Mühlrad hinter der Bürgermühle, die an dieser Stelle bereits seit seit dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt ist, als Anlande- und Umschlagsplatz und stand vielleicht sogar in baulicher Verbindung mit dem angrenzenden ehemaligen Schlossbezirk.

Das Mühlrad der Bürgermühle; Foto: Wiedenhöfer

Platz zwischen Mühlengebäude, Mühlrad und Karzerturm; Foto: Wiedenhöfer

So könnte auch ein vermuteter Zugang zum Mühlkanal aus der mächtigen verschachtelten Kelleranlage unter dem alten Dekanat und dem Nachbargebäude in der Kurzen Straße ein Hinweis darauf sein, dass der Bereich zwischen der Dreitoranlage unterhalb der Nikolauskirche und dem Bädertörle einst den direkten Zugang von der Altstadt zum Wasser ermöglichte.

Dass der Mühlkanal in diesem Bereich vor noch gar nicht allzulanger Zeit komplett anders aussah, belegt ein Foto aus den 1930er Jahren: am Fuß des Karzerturm wuchsen damals Weinstöcke. Wäre doch ein schönes Projekt für die Remstal Gartenschau 2019, diesen historischen Weinberg an der Stadtmauer wiederzubeleben! Wir bleiben dran …

Historische Aufnahme des Karzerturms in den 1930er Jahren mit Weinbepflanzung; Foto: Archiv Heimatverein Waiblingen e.V.

Weitere Informationen im Geschichtspotal des Heimatsvereins

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Marzipan – Eine Geschichte vom Verlieren, Suchen, Gefunden werden und Verlieren

Rosa Budziat, November 2017

Genau drei Jahre ist es jetzt her, drei Tage vor Allerheiligen, dass die kleine graugestreifte Katze Marzipan morgens um halb fünf über die Balkontreppe im Garten verschwunden ist. Sie zu ihrer üblichen Zeit um halb sieben nicht zurückgekommen. Auch später, tagsüber und am Abend kam sie nicht mehr zurück.

Ab der ersten Minute war ich in großer Sorge. Das war noch nie vorgekommen. Marzipan war eine kluge Jägerin, verspielt und sehr auf uns Menschen bezogen, mit denen sie zusammenlebte.

Was war passiert mit Marzipan? Zettel im Dorf, Anzeigen im Ortsblättle in Korb und in den Nachbarorten… überall haben wir nach Marzipan gesucht: in Gärten, Garagen, Kellern, im Industriegebiet, am Bahnhof, an Straßenrändern. Tage- und nächtelang sind wir über die Felder gestreift und haben laut den Namen der Katze gerufen und mit der Futterbox geklappert.

Es gab viele nette Menschen, die bereitwillig ihren Keller geöffnet haben und mitgesucht haben oder Tipps gegeben habe. Marzipan blieb unauffindbar. Obwohl gechippt und tätowiert, kein Tierarzt in der Umgebung und auch das TASSO-Haustierregister konnten weiterhelfen.

Die Sorge und Trauer um Marzipan war groß. Die Wochen gehen ins Land, es wird Winter und die Hoffnung schwindet. Es ist zu kalt draußen und es ist auch zu viel Zeit verstrichen, um in einem Keller eingesperrt nicht verhungert zu sein.

Die Wohnung bleibt leer und Marzipan fehlt  – überall. 7 gemeinsame Jahre, mit Mäusen in der Nacht, vielen Schmusereien, Spielen im Garten und einem unglaublich schönen Sommer mit der Geburt von 5 kleinen Katzenjungen und einer liebevollen Katzenmama, die die Kinder in der Nachbarschaft mit ihren Tollereien beglückt haben. Sie war einfach ein Familienmitglied.

Auch zwei Jahre später gibt es immer wieder Situationen, wenn ich mit dem Fahrrad über die Felder fahre, dass ich laut nach der Katze rufe. Ein E-Mail vom Haustierregister will wissen, ob das gesuchte Tier verstorben ist, und man es abmelden möchte. Nein, das möchte man nicht. Es gibt Geschichten über Tiere, die nach vielen Jahren zurückkommen.

Mitte August diesen Jahres. Ein Anruf von einem Tierarzt in Stuttgart Degerloch. „Ihre Katze Marzipan ist in Weinstadt aufgegriffen worden. Bitte kommen Sie schnell, das Tier ist schwer verletzt“. Das kann nicht wahr sein, Freude und Angst sind ganz nah beieinander, wir haben ein altes Schmusetuch mitgenommen, damit sie sich zuhause fühlen kann …. Die Fahrt zum Tierarzt durch den Berufsverkehr nach Degerloch dauert unendlich lang.

Dann dürfen wir ins Behandlungszimmer und da liegt sie, ganz klein. Sie schläft, weil sie Beruhigungsmittel bekommen hat. Sie hat eine riesige Wunde: einen offenen Tumor, so groß wie ein Granatapfel, und bereits weitere kleine Tumoren sind anscheinend spürbar. Alle weinen, die Frau von der Katzenhilfe, die sie in Weinstadt unterm Straßenschild aufgegriffen hat, nach dem sie beim dritten Mal vorbeifahren immer noch im Regen saß und aussah, als ob sie auf was wartet.

Wir streicheln die Katze und können es nicht fassen. Die Tierärztin meint, dass das Tier zu gepflegt sei, um 3 Jahre auf der Straße gelebt zu haben. Sie vermutet, dass sie damals aufgegriffen oder einfach mitgenommen wurde und trotz Tätowierung im Ohr nicht zurückgegeben wurde. Als sie sichtbar krank wurde, hat man sie ausgesetzt. So was käme leider öfter vor.

Wir sind fassungslos vor Trauer, vor Wut und weil es ein Wunder ist, dass die Katze uns nun doch gefunden hat.  Die Tierärztin rät ab, zu operieren: zu viel Schmerzen und keine Aussicht auf Heilung. Wir sitzen im Sterbezimmer beim Tierarzt mit unserer kleinen schwerverletzten Katze und weinen und halten und streicheln sie und weinen. Sie ist immer noch die hübscheste Katze der Welt. Die offene Wunde stinkt. Marzipan hat immer nach „Blume“ gerochen.

Vielleicht merkt sie, dass wir da sind, erkennt unsere Stimmen, oder sie riecht das alte Schmusetuch aus ihrem Katzenkörbchen. Sie schläft ganz ruhig. Während wir sie halten sind wir ganz still und hören einander beim Atmen zu.

Nach einer Stunde ist die Entscheidung getroffen. Marzipan bekommt eine Spritze, damit sie sterben kann. Wir konnten uns voneinander verabschieden, weil sie sich hat finden lassen. Was für ein Zufall, fast ein kleines Wunder. Ein kleines Wunder mit traurigem Ausgang.

 

Warum ich das jetzt schreibe?

Weil es mich unfassbar traurig macht, wie wir mit Tieren umgehen, wie wenig Respekt wir vor Lebewesen haben, die uns anvertraut sind.

Weil ich wissen möchte, wo meine Katze die letzten drei Jahre war und bei wem? Wer hat sie mir möglicherweise weggenommen?  Oder, wer hat sie, wenn sie sich wirklich verlaufen hatte, nicht zum Tierarzt gebracht, damit sie zu mir  zurück kann und sie dann nicht zum Tierarzt gebracht, als sie krank wurde, weil man sich die Tierarztgebühr sparen kann? Über Hinweise freue ich mich.

Und ich schreibe es, weil ich Danke sagen möchte, an alle die, die Tieren in Not helfen und dafür Zeit und Geld und viel Engagement einsetzen.

In unserem Fall war es die Katzenhilfe Stuttgart e.V.

Wer helfen mag, hilft:
Spendenkonto IBAN: DE03 6005 0101 0002 8195 98 | BIC SOLADEST600

 

Wer Informationen für mich hat, kann mich gerne anschreiben oder anrufen:
info@rosa-budziat.de oder 0163 275 76 98

 

 

 

 

 

Groove Inclusion: so beeindruckend, so berührend

Groove Inclusion beim Weltkongress in Russland:

Hallo verehrte Fans von Groove Inclusion,
hier ganz aktuell ein Kurzbericht mit Bildern von unserem großartigen, sehr berührenden Trip nach Jekaterinenburg, verfasst vom Redaktionsteam Rosa Budziat, Timo John und Heiner Riesle.

 

6. September 2017,
Erster Tag Weltkongress

23 MusikerInnen von Groove Inclusion, Sozialdezernentin Petra Bittinger, Stiftungsvorstand Karl-Otto Völker und Geschäftsführer der Sparkassenstiftung Dr. Timo John, bilden die Delegation des Rems-Murr-Kreises auf dem ersten Weltkongress für Menschen mit Behinderung in der Hauptstadt des Urals, Jekaterinburg, Russland. 

Gestern Nacht um 3 Uhr Ortszeit traf Groove Inclusion ein und der Mittwoch, der 6. September   wurde für die Akklimatisierung in der drittgrößten Stadt Russlands dringend benötigt.

Auf dem Tagesprogramm stand Stadterkundung mit Besuch des neuen Boris Jelzin Museums. Der Vertreter des deutschen Generalkonsulats, Ludwig Neudorfer, der im Übrigen auf dem Staufer-Gymnasium in Waiblingen seine ersten Russischkenntisse erwarb, begrüßte die Bandmitglieder mit einer Einladung zum Mittagessen.

Überall in der Stadt kann man mittlerweile auf weitere teilnehmende Gruppen am Kongress treffen. Sie kommen aus Ostfildern, Ansbach, Basel, Flandern, Norwegen, Australien und der ganzen Welt. Am Donnerstagabend wird mit Fahnen aller beteiligten Länder und Musik von Groove Inclusion der Kongress eröffnet.

Zweiter Tag Weltkongress

Putin begrüßt seine Gäste aus dem Rems-Murr Kreis Eröffnung des ersten Weltkongresses für Menschen mit Behinderungen in Jekaterinburg, Russland, der Hauptstadt des Urals

Wladimir Putin ließ es sich nicht nehmen, ein persönliches Grußwort vom Ministerpräsidenten der Region Sverdlovsk verlesen zu lassen. Putin unterstrich darin die Bedeutung des Kongresses für die Behinderten Menschen in Russland. Dabei sprach er auch von einem Programm 2020, mit dem die Lebenssituation der Menschen mit Behinderungen im Land deutlich verbessert werden sollen. Zur Eröffnung des Kongresses kamen Menschen aus der ganzen Welt. Die Feierlichkeit beeindruckte und berührte durch
künstlerische Darbietungen aller Art. Der Bogen wurde gespannt von Akrobatik, Musik und Zauberei. Groove Inclusion, die Band der VHS Unteres Remstal, repräsentierte Deutschland vor der Welt.

Ab Freitag wird zwei Tage gearbeitet, mit zahlreichen Workshops und Auftritten.

Dritter Tag

Wir sind ungewöhnlich aber gleich! Ein Kongressteilnehmer aus Kirgisistan sagte auf dem Podium den bemerkenswerten Satz: Auch wenn ich keine Arme und Beine habe, bin ich glücklich. Ich bin glücklich, weil ich gehört und geliebt werde.

Die Initiatorin des Kongresses Vera Simakova brennt dafür, Möglichkeiten zu schaffen, damit sich Menschen mit Behinderungen über Kunst, Musik, Tanz und anderen kreativen Ausdrucksformen über Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg setzen. Jede teilnehmende Nation, von der Schweiz bis Neuseeland und von Waiblingen bis Taipeh präsentierte dafür ein Beispiel.

Über den Tag fanden zahlreiche Workshops statt, in denen getanzt, gegroovt und diskutiert. Eine kleine Delegation aus Waiblingen wurde vom deutschen Generalkonsul, Herrn Keil, zu einem kleinen Empfang eingeladen. Dabei betonte der Generalkonsul, dass er „Deutschland durch Groove Inclusion wunderbar vertreten fand“. Er sieht dabei ein Beispiel, wie unterschiedliche Gruppen in der deutschen Zivilgesellschaft gut miteinander klar kommen.

Am Abend wurden alle KongressteilnehmerInnen in die Philharmonie von Jekaterinburg zu einem großartigen Konzert eingeladen. Es gab begeisterten Applaus und der Tag fand einen gelungenen Abschluss.

Vierter Tag 

Der große Auftritt: Groove Inclusion trat heute vor großem Publikum auf.

Am 3. Tag des Weltkongresses für Menschen mit Behinderung in Jekaterinburg war der Haupttag der künstlerischen Darbietungen. Wegen Regens musste die Veranstaltung vom Stadtpark in die Halle verlegt werden. Die russischen Gastgeber überzeugten mit ihrem Improvisationsgeschick. Immer wieder begegneten sich Menschen aus aller Herren Länder zum gemeinsamen Austausch. Adressen wurden getauscht und Groove inclusion hat bereits zwei Einladungen zu Konzerten, eine nach Norwegen und eine nach Israel. Dass Musik verbindet, das Konzert von Groove Inclusion wurde viel beklatscht und die Bandmitglieder wurden gleich von mehreren Zeitungen und Radiosendern interviewt.

 

Fünfter Tag

Es war eine rauschende Ballnacht: Feierlich ging der erste Weltkongress der behinderten Menschen in Jekaterinburg zu Ende.

Beeindruckend war das Abschlussforum, das einen vielschichtigen Überblick über Inklusionsprojekte in der ganzen Welt gab. Die Kongressresolution weist darauf hin, wie wichtig weltweit die Einbeziehung von Menschen mit Einschränkungen in gesellschaftliche Prozesse ist.

Immer wieder wurden Mitglieder von Groove Inclusion von begeisterten Kongressteilnehmern auf die wunderbare Musik und die Energie angesprochen, die bei den Auftritten der Band zu merken war. Verwundert war man stets, dass bei Groove Inclusion kein spezielles Konzept zugrunde liegt, sondern sich die 27 Bandmitglieder, von denen 15 behindert sind, lediglich zum Musikmachen treffen und Freude daran haben miteinander zu spielen und aufzutreten. Das ist gerade das Besondere an der Band
Es hat bereits mehrere Anfragen für weitere Auftritte gegeben. In den letzten fünf Tagen mussten immer wieder Autogramme gegeben werden und zahlreiche Selfies wurden gemacht. Die Stimmung auf dem Kongress war die ganze Zeit über fröhlich und harmonisch. Der letzte Höhepunkt war der Abschlussball, bei dem ein klassisches Orchester zu Polka, Polonaise und Walzer aufspielte, wozu ausgelassen getanzt wurde.

Bei der bandeigenen Schlussauswertung nachts im Hotel waren sich die Bandmitglieder und ihre drei BegleiterInnen aus dem Landratsamt und der Kreissparkassenstiftung darüber einig: Der Kongress war ein besonderes Ereignis und der Spirit von Groove Inclusion aus dem Rems-Murr-Kreis wurde in die Welt hinausgetragen und inclusive Grüße aus Jekaterinburg – Russland gehen zurück nach Waiblingen – Germany.

Selten erlebt man so viele glückliche und fröhliche Menschen beieinander.

http://kongress2017.ru/neues

Groß und Klein

Kleinere Bauarbeiten am Bädertörle Richtung Stadt.

Allerorten sind in der Waiblinger Innenstadt Bauarbeiten zu finden.

Kleine Kunstwerke bereichern die Stadt (mehr dazu hier)

und große Bagger gestalten künstliche Remsinseln.
Sie sind die ersten sichtbaren Boten der Gartenschau 2019.

Es gibt wahrlich viel zu entdecken!

Die erste Insel ist schon fertig, an der zweiten wird noch gebaggert.

Essen retten

Warum im Foyer des Andreä-Hauses neuerdings ein öffentlicher Kühlschrank Appetit machen soll

von Iris Förster und Gisela Benkert

Was tun mit diesem vollen Wäschekorb? Drin liegen 13 Tetrapacks und zwei Flaschen Frischmilch, alle mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Drumherum noch ein leckerer Kokos-Zitronen-Joghurt und drei angewelkte Salatköpfe. Du willst das Zeug schnell loswerden und gehst hausieren- bei Nachbarn und Bekannten. Es handelt sich hier schließlich um eine echte Rettungsaktion.

Wie bitte? Des Rätsels Lösung: Der öffentliche Kühlschrank im Waiblinger Jakob-Andreä-Haus macht eine Woche Pause und musste schnell ausgeräumt werden, ehe die Lebensmittel ungenießbar sind. Öffentlicher Kühlschrank?? Dahinter verbirgt sich ein Foodsharing-Modell, „Fair-Teiler“ genannt. Waiblingens erster öffentlicher Kühlschrank steht im Vorraum des Jakob Andrea-Hauses in der Alten Rommelshauser Straße und nimmt alles auf, was noch essbar ist. Um es anschließend wieder an all jene abzugeben, die hierherkommen, weil sie lieber Essen retten als es wegzuwerfen.

Lässt Einblick nehmen – der neue FairTeiler im Jakob-Andreä-Haus

Rund 80 kg Lebensmittel landen in Deutschland pro Kopf in der Tonne. Das hat unterschiedliche Ursachen: Viele Lebensmittel finden gar nicht erst den Weg in den Laden, weil sie bereits auf dem Acker aussortiert werden, wenn Sie in Form, Größe und Farbe nicht der Norm entsprechen, andere werden im Großhandel oder im Einzelhandel großzügig entsorgt sobald oder gar bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten wurde, weitere Lebensmittel werden in privaten Kühlschränken schlecht, weil sie schlicht und einfach vergessen wurden.

Gegen diese gigantische Lebensmittelverschwendung formt sich seit geraumer Zeit Widerstand. In vielen Städten in Deutschland gibt es Foodsharing-Gruppen, die zum Beispiel mit Lebensmittelhändlern kooperieren und nach Ladenschluss die Lebensmittel abholen, die ansonsten im Müll landen würden. Freiwillig, unkompliziert und engagiert verteilen sie all das ausgemusterte Essbare im Bekanntenkreis – oder sie legen es eben in solch öffentliche Kühlschränke. In Stuttgart gibt es derer zwei, einer davon steht auf dem Grundstück einer Studenten-WG und wird auch von den Bewohnern betreut. Klappt prima.

Eine weitere Form des Verteilens ermöglicht die Plattform Foodsharing.de, auf der man nach Anmeldung virtuell sogenannte Essenkörbe mit abzugebenden Nahrungsmitteln einstellen kann, die dann von interessierten Verbrauchern abgeholt werden.

In Waiblingen waren Foodsharing-Botschafter Michael Neumann und Iris Förster schon seit längerem auf der Suche nach einem geeigneten Standplatz für den Fairteiler, also den öffentlichen Kühlschrank. Mit der evangelischen Michaelskirchengemeinde und der Alternativen Liste (ALi) Waiblingen haben die beiden zwei ideale Kooperationspartner gefunden – die Kirchengemeinde stellt Platz und Strom im Gemeindehaus zur Verfügung, die ALi spendete einen Getränkekühlschrank. Die riesige Glastür verschafft einen raschen Überblick übers vorhandene Sortiment. Zuletzt war der Kühlschrank gut gefüllt mit verschiedenen Blattsalaten, Pastinaken, Erdnussbutter, Rhabarber, Rettich, Sellerie, Marmelade – und eben mit ganz viel Milch.

Am Kühlschrank sind die Regeln aufgehängt, nach denen bestückt und entnommen werden darf, so dass das Konzept auch bei einer Lebensmittelkontrolle gut wegkommt. So ist es beispielsweise nicht erlaubt, Waren mit Verbrauchsdatum (wie Hackfleisch oder rohes Geflügel) abzugeben. Das MHD hingegen, das angibt, ab wann der Verkäufer keine Gewährleistung mehr für die Qualität des Produkts übernimmt, darf überschritten sein. Diese Lebensmittel gelten weiterhin als verkehrsfähig. Michael Neumann und Iris Förster kontrollieren darüber hinaus täglich die Kühlschranktemperatur und den Inhalt und entsorgen, falls etwas nicht mehr genießbar sein sollte.

Die Regeln

Da das Haus in den Pfingstferien nur eingeschränkt zugänglich ist, wurde der Kühlschrank am letzten Freitag leergeräumt, gereinigt und ausgeschaltet und wird zum 12. Juni wieder in Betrieb genommen.
Die Milch aus dem Wäschekorb schmeckte übrigens auch fünf Tage nach Überschreiten des Haltbarkeitsdatums noch hervorragend! Und über den Salat haben sich letztlich noch die Hühner gefreut.

Erster Feinstaubsensor in Waiblingen am Start

Jetzt ist es so weit, der erste Sensor, der Feinstaubwerte für Waiblingen ermittelt, ist installiert. Im Rahmen des Luftdatenprojekts des Stuttgarter OK Lab wurden gestern insgesamt 14 Sensoren zusammengebaut. Nach und nach werden diese jetzt in der interaktiven Karte auftauchen. Wer sich aktuell informieren will, geht auf waiblingen.maps.luftdaten.info

 

Frank Riedel, der den Workshop für uns durchführte, berichtet auf seinem Blog: https://riedelwerk.wordpress.com/2017/03/23/843-feinstaub-vortrag-und-basteln-in-waiblingen/

Danke Frank! Das war wirklich ein gelungener Abend.

Der Nordostring löst keine Verkehrsprobleme

Am 21.12.2016, hat  der Verkehrsausschuss des Verbands Region Stuttgart (VRS) über den neuen Regionalverkehrsplan beraten. Darin ist wieder mal auch der Nordostring enthalten. Im letzten Herbst wurde der Nordostring wieder als Planung des weiteren Bedarfs in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Und nun soll sogar gutachterlich festgestellt worden sein, dass der Nordostring die Stuttgarter Innenstadt spürbar von Verkehr und Abgasen entlasten würde.

 

Infostand und Infoabend

Jeder kann sich informieren und mit einer Stellungnahme an den Verband Region Stuttgart aktiv werden:

  • Am Samstag, 1. April bietet sich die Gelegenheit vorbereitete Stellungnahmen zu unterschreiben, Alternative Liste (ALi) und ARGE Nord-Ost e.V. sind von 9.30 – 13 Uhr mit einem Infostand auf dem Wochenmarkt vertreten.
  • Am Mittwoch, 5. April um 20 Uhr veranstaltet die SPD Waiblingen im Schlosskeller unter dem Rathausplatz in Waibingen einen Infoabend zum Thema „Ist der Nord-Ist-Ring wirklich die feine Lösung für zukunftssichere Verkehrsplanung?“. Als Experten spreichen Joseph Michl, Voristzender der ARGE Nord-Ost, Harald Raß, Stadtrat in Fellbach und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Regionalparlament und Klaus Riedel, SPD-Kreisrat.

Und das spricht gegen den Nord-Ost-Ring:

Angebliche Entlastung des Talkessels stammt von Filderauffahrt – nicht vom Nordostring

Hierzu schreibt Joseph Michl, Vorsitzender der ARGE Nord-Ost e.V. (ARGE): „Offensichtlich haben sich die
Befürworter die Unterlagen des VRS nicht genau angeschaut. Die angenommene positive Wirkung zur Lösung des Stuttgarter Feinstaubproblems im Talkessel und besonders an den Luftschadstoff-Brennpunkten Hohenheimer Straße und Neckartor hat nichts mit dem Nordostring zu tun. Sie beruht ausschließlich auf der von den Gutachtern behaupteten Wirkung einer B14 Filderauffahrt, die einen 7 km langen Tunnel beinhaltet, und die in Kombination mit dem Nordostring unterstellt wird.“

Diese Filderauffahrt wäre sehr teuer, sie soll nach Schätzung des VRS 400 Millionen Euro kosten. Da sie auch nicht im Bundesverkehrswegeplan enthalten ist, ist der Bau der Filderauffahrt illusionär, zumindest für die nächsten 15 Jahre.

Zudem gehen die Gutachter bei ihrer Prognose davon aus, dass die Abgase, die durch den enormen Verkehr in dem Tunnel der Filderauffahrt entstünden (ca. 65.000 Kfz/24h), aufwendig mit Tunnel-Abgasfiltern (!) gereinigt würden. Wie u.a. der Einhorn-Tunnel in Schwäbisch Gmünd zeigt, ist von Tunnelfiltern in Deutschland jeweils nur im Vorfeld von Tunnelplanungen die Rede. „Tatsächlich gibt es unseres Wissens keinen einzigen Straßentunnel in Deutschland mit Tunnel-Abgasfiltern“ so Michl.

Mit dem Nordostring allein aber wäre selbst nach den zweifelhaften Zahlen der Region so gut wie keine Entlastung der Abgas-geplagten Stuttgarter Innenstadt verbunden. Hierzu Joseph Michl: „Dass die Befürworter des Nordostrings diesen jetzt als großen Befreiungsschlag für die Stuttgarter Luftbelastungsprobleme präsentieren, ist sachlich nicht gerechtfertigt. An der Tatsache, dass der Nordostring kein Beitrag zur Lösung der Stuttgarter Luftprobleme ist, hat sich nichts geändert.“

 

Die Gutachten des VRS sind fehlerhaft

Wenig vertrauensbildend ist nach Ansicht der Verkehrsfachleute der ARGE, dass viele Gutachten für den Regionalverkehrsplan aus demselben Büro stammen, das auch bei der Erstellung der grob fehlerhaften Datengrundlagen für den Bundesverkehrswegeplan beteiligt war. Das Land Baden-Württemberg, beteiligte Kommunen, Umweltverbände und nicht zuletzt auch die ARGE Nord-Ost e.V. hatten im Rahmen der Anhörung auf massive Fehler hingewiesen. Leider vergeblich, korrigiert wurde nichts, sondern der fehlerhafte Bundesverkehrswegeplan im Bundestag als Gesetz beschlossen.

Bei der ARGE hat man sich die Unterlagen zum Regionalverkehrsplan daher genauer angesehen. Doch schon beim ersten Blick auf den Maßnahmensteckbrief zum Nordostring (Regionalverkehrsplan Anhang 4, s. Anlage) fallen wieder Fehler auf: So soll der 3-spurige Nordostring 14,03 km lang sein, der 4-spurige aber nur 9,05 km. Beim Bundesverkehrswegeplan gingen dieselben Gutachter noch von 11,5 km Länge aus.

Und während die Gutachter beim Regionalverkehrsplan von 1,229 Millionen eingesparten Pkw-Stunden je Jahr durch den Nordostring ausgehen, waren es bei den Berechnungen für den Bundesverkehrswegeplan 5,41 Millionen Pkw-Stunden je Jahr.

Was stimmt denn nun? Da kann man wenig Zutrauen aufbringen, dass die restlichen Zahlen im Regionalverkehrsplan stimmen. Die grafische Darstellung beim Maßnahmensteckbrief geht offensichtlich auch davon aus, dass der Nordostring bei der Waiblinger Westumfahrung endet, was zumindest Zweifel nährt, ob die Gutachter eine richtige Vorstellung vom untersuchten Nordostring haben oder ob nicht schon deshalb falsch gerechnet wird.

Bei den Berechnungen der Verkehrszahlen fällt weiterhin auf, dass die stark befahrene Waiblinger Westumfahrung von den Gutachtern schlichtweg vergessen wurde. Diese Straße liegt direkt im Plangebiet des Nordostrings und hat einen erheblichen Einfluss auf das dortige Verkehrsgeschehen.

 

VRS hält Gutachten zurück

Die Verkehrsexperten der ARGE gehen davon aus, dass die Gutachten noch weitere schwerwiegende Fehler enthalten. Überprüfen lässt sich das alles nicht, da der VRS die zugrundeliegenden Gutachten des Regionalplans größtenteils nicht veröffentlicht. Die ARGE und auch der Landesnaturschutzverband hatten sie schon mehrfach vergeblich nachgefragt. Nach Auskunft des VRS sind sie noch nicht fertig bzw. müssen Anfang nächsten Jahres zuerst den Regionalräten vorgelegt werden, bevor sie veröffentlicht werden können. Dadurch bleibt vieles im Vagen und ist nicht überprüfbar.

 

OB Hesky informiert Bürger nicht korrekt – Es wird keinen zweispurigen Nordostring geben

Der Waiblinger OB und Regionalrat Andreas Hesky vertritt öffentlich die Meinung, Waiblingen wolle nur einen 2-spurigen Nordostring. Er müsste aber wissen, dass es keinen zweispurigen Nordostring gibt. Dieser ist und bleibt mindestens 4-spurig und Autobahn ähnlich. So steht es im Bundesverkehrswegeplan, und etwas anderes ließe angesichts der enormen Verkehrszahlen, die für den Nordostring prognostiziert werden, keine Planungsrichtlinie zu. Wenn der Waiblinger OB daher den Bau des Nordostrings fordert, redet er damit stets einer 4- oder 6-spurigen, stark befahrenen Autobahn unmittelbar vor den Toren seiner Stadt das Wort.

 

Der Nordostring löst keine Verkehrsprobleme in der Kernregion, sondern schafft neue

Der Nordostring zieht zum einen weiträumig motorisierten Verkehr in die Kernregion des Ballungsraums Stuttgart, zum anderen erhöht er die Verkehrsnachfrage. Er vergrößert damit das motorisierte Verkehrsaufkommen in der Kernregion. Dieser Zusatzverkehr trifft dort auf ein Straßennetz, das bereits jetzt schon zeitweise bis zum Limit belastet ist. Zwangsläufig wird es dadurch zu einer Zunahme der Staus im Umfeld des Nordostrings kommen. Das ist genau das Gegenteil dessen, was die Kernregion Stuttgart braucht. Diese negativen Auswirkungen sind dabei völlig unabhängig davon, ob ein Nordostring als Tunnel oder oberirdisch gebaut wird.

 

Natur und Umwelt blieben beim Nordostring auf der Strecke

Bei aller notwendigen Diskussion über die verkehrlichen Auswirkungen darf nicht übersehen werden, dass der Nordostring nach wie vor mit ganz erheblichen Eingriffen in wertvolle Freiflächen auf dem Langen Feld, der Büchenau und dem Schmidener Feld verbunden wäre. Der Nordostring würde den Wert dieser Freiflächen für die Erholung, die Landwirtschaft und die Natur spürbar reduzieren. Dies ist völlig unbestritten.

Die durch den Nordostring verursachten Schäden stehen nach Ansicht der ARGE in keinerlei vertretbarem Verhältnis zu den fragwürdigen verkehrlichen Vorteilen.

 

Mehr öffentlicher Verkehr hält die Region mobil

Es gehört zur vorrangigen Aufgaben des VRS, für einen funktionierenden ÖV zu sorgen. Straßenplanungen sind hingegen nicht Aufgabe des Regionalverbandes. „Wer die Region mobil halten will, kommt an wesentlichen Verbesserungen beim öffentlichen Verkehr (ÖV) nicht vorbei“, bekräftigt die ARGE Nord-Ost.

Heute aber vergeht praktisch kein Werktag ohne Zugausfälle und S-Bahn-Chaos. Dar aktuelle Zustand der S-Bahn ist derart beklagenswert, dass viele Pendler wieder auf das Auto umsteigen.

Die ARGE möchte den VRS daher ermuntern, sich zukünftig mit noch mehr Kraft um seine eigentliche Kernaufgabe, eine funktionierende S-Bahn in der Region Stuttgart, zu kümmern. Es ist dringend notwendig, die S-Bahn wieder in einen zuverlässig benutzbaren Zustand zu versetzen. Daneben sollten auch Linienverlängerungen und auch neue Linien (bsp. Schorndorf – Waiblingen – Remseck – Ludwigsburg – Markgröningen) möglichst rasch geplant und umgesetzt werden.

Die Planung von Bundesstraßen kann der VRS nach Meinung der ARGE dagegen ruhigen Gewissens bei Bund und Land belassen.