Was fehlt in Waiblingen?

Leere Schaufenster, die traurig in die Waiblinger Fußgängerzone blicken. Der Laden ausgeräumt, die Boutique, die jahrzehntelang die Waiblinger Damenwelt mit modischem Chick versorgt hat – geschlossen.

In der samstäglichen Einkaufshektik hat sich vor dem seit kurzem leerstehenden Geschäft in der Langen Str. 53 eine Menschenmenge gebildet, es wird angeregt diskutiert. Mittendrin Andrea und Silke: „Es war eine spontane Idee. Wir haben beim Hausbesitzer gefragt, er hatte nichts dagegen, weiß selbst noch nicht wie es hier weitergeht.“ Also haben die beiden kurzerhand ein Ideenfindungshappening auf die Beine gestellt. Was fehlt in Waiblingen? Was soll rein, wenn der Laden neu vermietet wird? Jeder darf seine Idee auf ein buntes Zettelchen schreiben und an die Schaufensterscheiben heften.

Abgefahrene Vorschläge sind dabei, so wird Waiblingen das Fisch-Fußpflegestudio wohl erspart bleiben. Ein kleines Mädchen hat seinen Wunsch nach einem Geigenladen gleich mehrfach geäußert. Was nicht kommen soll, steht da auch: Friseure, Handyshops, Bäcker und Optiker, nein danke, gibt’s schon ausreichend. Wie wär’s mit einem Repair-Café, oder vielleicht irgendwas mit Kinderspielecke? Ein häufiger Wunsch ist ein schwäbisches Lokal. Richtig so, im Vergleich mit dem Umland ist die Waiblinger Innenstadt ja wirklich Gastro-Diaspora, anerkanntes Wirtschafts-Notstandsgebiet. Mode für die Dame fortgeschrittenen Alters ist auch ein Thema, das mehrfach auftaucht.

Allein, ob sich der Vermieter nach den Wünschen richtet, bleibt abzuwarten. Da werden sicherlich auch harte ökonomische Fakten zählen. Die Passanten finden jedenfalls Gefallen daran, mitreden zu dürfen. Die Diskussion ist eröffnet: Was fehlt in Waiblingen?

Wir freuen uns auf Kommentare …


  
  
  

Bildung und Industrie 4.0

Grüner Stammtisch zum Thema Bildung

Welf Schröter, Autor und Leiter des Personennetzwerkes „forum Soziale Technikgestaltung“ war am Montag, 29. Februar auf Einladung des OV Waiblingen von Bündnis 90/Die Grünen zu Gast im Grünen Büro in Waiblingen.

Er sprach über einen notwendigen Wandel des Bildungsbegriffs angesichts der industriellen Entwicklungen und zeigte die Zukunft der Arbeit im Zuge von Industrie 4.0 auf. Einführend erläuterte Schröter die veränderten Bedingungen in der Aribetswelt: Im letzten Jahrhundert hatte Arbeit ihren Ort, ihre Zeit und ihre Verfasstheit. Heute brauchen wir eine grundsätzlich neue Lernkultur für den Umgang mit erweiterter Abstraktion und Komplexität. War Bildung bislang auf Bewerten und Urteilen ausgerichtet, brauchen wir heute einen völlig anderen Lernansatz. Es geht heutzutage nicht mehr um Anpassungsqualifikationen sondern um das Durchdringen komplexer Vorgänge, die mit einer Loslösung von Mensch und Materie einhergehen. Dabei könnten wir in der Entwicklung neuer Ansätze in der Didaktik durchaus auf die Ergebnisse der Chaosforschung im ausgehenden 20. Jahrhundert zurückgreifen. Doch weder in den gesellschaftlichen Debatten noch in den angestoßenen politischen Projekten ist es bislang zu einem Umdenken gekommen.

In der sich anschließenden Diskussion herrscht unter den Zuhörern Uneinigkeit, ob die sogenannten „digital natives“ sich mit der Komplexität der Arbeit leichter tun als die Generation, die den Wandel von einer Materienbezogenheit hin zur Virtualität noch miterlebt hat oder ob es gerade die Haptik und das Durchdringen der Materie braucht, um virtuelle Prozesse zu „begreifen“.

Welf Schröter formuliert eine eingängige These: Nach der Automatisierung der Maschinen in der der Werkstatt und in der Werkhalle beginnt nun die Auomatisierung des virtuellen Arbeits- und Geschäftsraumes. Es kommt zu einer zentralen Veränderung der Arbeit: Das Produkt steuert die Produktion und den Menschen. Für diejenigen Menschen, die durch gute Bildung auf die neuen Herausforderungen vorbereitet wurden, ergibt sich die Möglichkeit einer Neuverortung in der digitalen Arbeitsgesellschaft, was zu einer Neuorientierung und Selbstvergewisserung führen kann. All jene, die das Lernen von Komplexität nicht bewältigen, stehen vor der neuen Arbeitswelt ohne sie zu verstehen. Damit fehlt es an Identität mit der Arbeit, was leicht zu Frust und schlimmstenfalls zu einer Spaltung der Gesellschaft führen kann.

Den ZuhörerInnen bot sich ein unterhaltsamer und informativer Abend, der den großen Entwicklungsbedarf in der Pädagogik sowie in der Bildungspolitik aufzeigt. Welf Schröter kann getrost als Vordenker einer sich ändernden Arbeitswelt bezeichnet werden.

Mehr Infos zu diesem durchaus spannenden Thema finden sich hier: www.forum-soziale-technikgestaltung.de

 

Iris Förster, 2.3.2016