Streit über das Projekt „Talaue 4.0“

Dieser Artikel war am 12. Mai 2016 in der Stuttgarter Zeitung zu lesen. Wir veröffentlichen ihn an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung der Autorin Annette Clauß.

Waiblingen Der Landschaftspark entlang der Rems soll im Hinblick auf die Remstalgartenschau 2019 aufgewertet werden. Über die Projekte hat nun der Gemeinderat teils kontrovers diskutiert. Insbesondere die „Kunstlichtung“ gefällt nicht jedem. Von Annette Clauß

Ziemlich turbulent ist eine Sondersitzung des Waiblinger Gemeinderats am Dienstagabend verlaufen: Das bestimmende Thema war dabei die Remstalgartenschau im Jahr 2019, für welche der Gemeinderat einen Masterplan mit knapp zehn Schwerpunktprojekten beschließen sollte. Deren Umsetzung, so schätzt man vonseiten der Verwaltung, wird rund 3,4 Millionen Euro kosten. Eine Summe, die so manchem Gemeinderat angesichts der künftig voraussichtlich wenig rosigen finanziellen Situation der Stadt großes Unbehagen bereitet.

Die Fraktion der Alternativen Liste (Ali) hatte daher beantragt, die Gesamtbaukosten der Stadt auf zwei Millionen Euro zu deckeln, die SPD-Fraktion forderte in einem Antrag, jede der Maßnahmen einzeln auf „Sinnhaftigkeit, Notwendigkeit und mögliches Einsparpotenzial“ zu prüfen.

Bernd Wissmann von der Bürgerliste Bittenfeld (BüBi) meinte: „Der Masterplan ist gut, aber die Kosten haben mich schon etwas schockiert.“ Heftig diskutiert haben die Räte insbesondere über die „Kunstlichtung“. Nach den Vorstellungen des Planungsbüros RMP aus Bonn sollen dazu als Ableger der Galerie Stihl auf einer großen Wiesenfläche in der Talaue mehrere Hundert Bäume kreisförmig gepflanzt werden. In deren Mitte soll so eine künstliche Lichtung geschaffen werden, auf der Lesungen oder Konzerte veranstaltet werden können. Kostenpunkt: rund 560 000 Euro.

Die Idee fanden nicht alle Gemeinderäte gut. Während Hans-Ingo von Pollern (CDU) die „Kunstlichtung“ als „hochattraktiv“ bezeichnete und Volker Escher (DFB) von einem „tollen Projekt“ sprach, verwies Alfonso Fazio (Ali) auf die Folgekosten bei der Pflege der Bäume und bezeichnete die bestehende Wiese mit ihrer Wildblumenpracht als „Schatz an sich“. Der Planer Stephan Lenzen betonte, die Wiese solle weiterhin maximal zweimal im Jahr gemäht werden, nur die Lichtung müsse öfter gekürzt werden. Seiner Vorstellung nach könnten die Besucher Letztere über einen Weg, aber auch aus allen Richtungen und quer über die Wiese erreichen.

Roland Wied (SPD) betonte, diese schöne Fläche in der Talaue sei eine Seltenheit, „ein Wert, den wir dann nicht mehr haben“.

Julia Goll (FDP) merkte an, eine mit Bäumen bepflanzte Fläche müsse nicht ökologisch wertvoller sein als eine Wiese: „Ich hätte da gerne mal die Meinung eines Naturschutzfachmanns.“ Im Hinblick auf andere Waiblinger Gartenschau-Projekte kritisierte sie „den Geist der Versiegelung, der sich durch diesen Masterplan zieht“. Bei Juliane Sonntag (SPD) fand die Idee der „Kunstlichtung“ Anklang, sie schlug aber vor, sie mehr am Rand der Wiese zu platzieren, denn diese sei erhaltenswert.

Der Oberbürgermeister Andreas Hesky reagierte ungehalten auf die Kritik. Er sieht die „Kunstlichtung“ als zentrales Element der Gartenschau, bei der die Talaue zur „Talaue 4.0“ werde, sprich „aufgewertet und ertüchtigt“ werden solle. Gerade wegen dieser „Kunstlichtung“ habe man doch das Büro RMP beauftragt, und wegen dieser „famosen Idee“ blicke „jeder mit Neid auf Waiblingen“. Auch bei der Bürgerbeteiligung habe es keinen Widerstand dagegen gegeben. Der Rathauschef setzte dem Gemeinderat quasi die Pistole auf die Brust: „Wenn wir das Thema nicht umsetzen sollten, ist ein Stück weit die Beauftragungsgrundlage für das Büro RMP weg.“ Im Übrigen habe die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung bereits eine Spende zwischen 300 000 und 500 000 Euro in Aussicht gestellt. Auch die Baubürgermeisterin Birgit Priebe konnte die Kritik nicht nachvollziehen – den Masterplan habe man doch bereits im Oktober diskutiert: „Warum sind Sie damals nicht auf die ‚Kunstlichtung’ eingegangen?“ Das wiederum sahen die Kritiker anders. „Es gibt da wohl ein Kommunikationsproblem“, sagte Julia Goll, „ich erinnere mich an durchaus kritische Stimmen zur ‚Kunstlichtung‘. Dass das ganze Projekt mit der ‚Kunstlichtung‘ steht und fällt, war nicht klar.“

Es habe ja auch andere Ideen zum Thema Kunst gegeben. So sei von einem Skulpturenpfad die Rede gewesen. Im Oktober habe man der Planungskonzeption zugestimmt – aber mit der Zusage der Verwaltung, „dass alles zur Disposition steht und wir alles noch diskutieren können“, sagte Alfonso Fazio. Seine Reaktion: „Ich lasse mich nicht erpressen.“ Die „Kunstlichtung“ wurde dann aber mit einer Enthaltung, 18 Ja-und elf Nein-Stimmen auf den Weg gebracht.

 

Kommentar: Fragwürdige Taktik

Überrumpelt Die Stadträte sind möglicherweise bewusst spät über die Projektdetails informiert worden. Von Annette Clauß

Die Talaue ist ein kostbares Stück Waiblingen – da sind sich alle einig. Und eines ist ebenfalls klar: Egal, wie man zur Idee einer Kunstlichtung steht, das Projekt, bei dem rund 300 Bäume gepflanzt werden, wird das vertraute Bild der weiten Wiesenlandschaft nachhaltig verändern. Insofern ist es richtig und wichtig, sorgfältig zu überlegen, ob das gewünscht ist. Und so muss ein Gemeinderat ausführlich darüber diskutieren dürfen. Dass sich zumindest ein Teil des Gremiums am Dienstagabend von der Verwaltung überrumpelt und unter Druck gesetzt fühlte, kann man als Zuhörer gut nachvollziehen.  Das Argument, man habe die Projekte bereits vor Monaten vorgestellt bekommen und genug Zeit zum Überdenken der Pläne gehabt, entspricht nicht ganz den Tatsachen. Die damals vorgelegten Entwürfe waren allenfalls Skizzen dessen, was eventuell sein könnte. Nachfragen wurden eher nebulös beantwortet, nach dem Motto: Wir sind ja noch ganz am Anfang.

Die entnervte Reaktion des Oberbürgermeisters auf die Kritik an der Kunstlichtung ist also nicht gerechtfertigt. Und die Behauptung, die Bürgerschaft stehe hinter dem Projekt, ein bisschen vermessen: Sie hat bislang ebenso wenig Details über das Projekt erfahren wie ihr Gemeinderat. Laut der Verwaltung hat das Landratsamt keine ökologischen Bedenken gegen eine Baumpflanzung in der Talaue. Die Wildblumenwiese, so die Planer, solle erhalten bleiben. Die Besucher aber sollen die Lichtung aus allen Himmelsrichtungen quer über die Wiese ansteuern. Man muss kein Landwirt sein, um zu wissen: Das ist das Ende einer Blumenwiese. Sobald das Gras höher steht, wird es niedergetrampelt. Es wird also öfter als bisher gemäht werden, was nicht zur Pflanzenvielfalt beiträgt. Eine Mehrheit der Gemeinderäte hat nach einer Diskussion entschieden, dass die Kunstlichtung wichtiger ist. Das ist legitim – und ganz im Sinne des Oberbürgermeisters. Trotzdem darf diese Taktik in Zukunft keine Schule machen.

 

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