Essen retten

Warum im Foyer des Andreä-Hauses neuerdings ein öffentlicher Kühlschrank Appetit machen soll

von Iris Förster und Gisela Benkert

Was tun mit diesem vollen Wäschekorb? Drin liegen 13 Tetrapacks und zwei Flaschen Frischmilch, alle mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Drumherum noch ein leckerer Kokos-Zitronen-Joghurt und drei angewelkte Salatköpfe. Du willst das Zeug schnell loswerden und gehst hausieren- bei Nachbarn und Bekannten. Es handelt sich hier schließlich um eine echte Rettungsaktion.

Wie bitte? Des Rätsels Lösung: Der öffentliche Kühlschrank im Waiblinger Jakob-Andreä-Haus macht eine Woche Pause und musste schnell ausgeräumt werden, ehe die Lebensmittel ungenießbar sind. Öffentlicher Kühlschrank?? Dahinter verbirgt sich ein Foodsharing-Modell, „Fair-Teiler“ genannt. Waiblingens erster öffentlicher Kühlschrank steht im Vorraum des Jakob Andrea-Hauses in der Alten Rommelshauser Straße und nimmt alles auf, was noch essbar ist. Um es anschließend wieder an all jene abzugeben, die hierherkommen, weil sie lieber Essen retten als es wegzuwerfen.

Lässt Einblick nehmen – der neue FairTeiler im Jakob-Andreä-Haus

Rund 80 kg Lebensmittel landen in Deutschland pro Kopf in der Tonne. Das hat unterschiedliche Ursachen: Viele Lebensmittel finden gar nicht erst den Weg in den Laden, weil sie bereits auf dem Acker aussortiert werden, wenn Sie in Form, Größe und Farbe nicht der Norm entsprechen, andere werden im Großhandel oder im Einzelhandel großzügig entsorgt sobald oder gar bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) überschritten wurde, weitere Lebensmittel werden in privaten Kühlschränken schlecht, weil sie schlicht und einfach vergessen wurden.

Gegen diese gigantische Lebensmittelverschwendung formt sich seit geraumer Zeit Widerstand. In vielen Städten in Deutschland gibt es Foodsharing-Gruppen, die zum Beispiel mit Lebensmittelhändlern kooperieren und nach Ladenschluss die Lebensmittel abholen, die ansonsten im Müll landen würden. Freiwillig, unkompliziert und engagiert verteilen sie all das ausgemusterte Essbare im Bekanntenkreis – oder sie legen es eben in solch öffentliche Kühlschränke. In Stuttgart gibt es derer zwei, einer davon steht auf dem Grundstück einer Studenten-WG und wird auch von den Bewohnern betreut. Klappt prima.

Eine weitere Form des Verteilens ermöglicht die Plattform Foodsharing.de, auf der man nach Anmeldung virtuell sogenannte Essenkörbe mit abzugebenden Nahrungsmitteln einstellen kann, die dann von interessierten Verbrauchern abgeholt werden.

In Waiblingen waren Foodsharing-Botschafter Michael Neumann und Iris Förster schon seit längerem auf der Suche nach einem geeigneten Standplatz für den Fairteiler, also den öffentlichen Kühlschrank. Mit der evangelischen Michaelskirchengemeinde und der Alternativen Liste (ALi) Waiblingen haben die beiden zwei ideale Kooperationspartner gefunden – die Kirchengemeinde stellt Platz und Strom im Gemeindehaus zur Verfügung, die ALi spendete einen Getränkekühlschrank. Die riesige Glastür verschafft einen raschen Überblick übers vorhandene Sortiment. Zuletzt war der Kühlschrank gut gefüllt mit verschiedenen Blattsalaten, Pastinaken, Erdnussbutter, Rhabarber, Rettich, Sellerie, Marmelade – und eben mit ganz viel Milch.

Am Kühlschrank sind die Regeln aufgehängt, nach denen bestückt und entnommen werden darf, so dass das Konzept auch bei einer Lebensmittelkontrolle gut wegkommt. So ist es beispielsweise nicht erlaubt, Waren mit Verbrauchsdatum (wie Hackfleisch oder rohes Geflügel) abzugeben. Das MHD hingegen, das angibt, ab wann der Verkäufer keine Gewährleistung mehr für die Qualität des Produkts übernimmt, darf überschritten sein. Diese Lebensmittel gelten weiterhin als verkehrsfähig. Michael Neumann und Iris Förster kontrollieren darüber hinaus täglich die Kühlschranktemperatur und den Inhalt und entsorgen, falls etwas nicht mehr genießbar sein sollte.

Die Regeln

Da das Haus in den Pfingstferien nur eingeschränkt zugänglich ist, wurde der Kühlschrank am letzten Freitag leergeräumt, gereinigt und ausgeschaltet und wird zum 12. Juni wieder in Betrieb genommen.
Die Milch aus dem Wäschekorb schmeckte übrigens auch fünf Tage nach Überschreiten des Haltbarkeitsdatums noch hervorragend! Und über den Salat haben sich letztlich noch die Hühner gefreut.

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