Marzipan – Eine Geschichte vom Verlieren, Suchen, Gefunden werden und Verlieren

Rosa Budziat, November 2017

Genau drei Jahre ist es jetzt her, drei Tage vor Allerheiligen, dass die kleine graugestreifte Katze Marzipan morgens um halb fünf über die Balkontreppe im Garten verschwunden ist. Sie zu ihrer üblichen Zeit um halb sieben nicht zurückgekommen. Auch später, tagsüber und am Abend kam sie nicht mehr zurück.

Ab der ersten Minute war ich in großer Sorge. Das war noch nie vorgekommen. Marzipan war eine kluge Jägerin, verspielt und sehr auf uns Menschen bezogen, mit denen sie zusammenlebte.

Was war passiert mit Marzipan? Zettel im Dorf, Anzeigen im Ortsblättle in Korb und in den Nachbarorten… überall haben wir nach Marzipan gesucht: in Gärten, Garagen, Kellern, im Industriegebiet, am Bahnhof, an Straßenrändern. Tage- und nächtelang sind wir über die Felder gestreift und haben laut den Namen der Katze gerufen und mit der Futterbox geklappert.

Es gab viele nette Menschen, die bereitwillig ihren Keller geöffnet haben und mitgesucht haben oder Tipps gegeben habe. Marzipan blieb unauffindbar. Obwohl gechippt und tätowiert, kein Tierarzt in der Umgebung und auch das TASSO-Haustierregister konnten weiterhelfen.

Die Sorge und Trauer um Marzipan war groß. Die Wochen gehen ins Land, es wird Winter und die Hoffnung schwindet. Es ist zu kalt draußen und es ist auch zu viel Zeit verstrichen, um in einem Keller eingesperrt nicht verhungert zu sein.

Die Wohnung bleibt leer und Marzipan fehlt  – überall. 7 gemeinsame Jahre, mit Mäusen in der Nacht, vielen Schmusereien, Spielen im Garten und einem unglaublich schönen Sommer mit der Geburt von 5 kleinen Katzenjungen und einer liebevollen Katzenmama, die die Kinder in der Nachbarschaft mit ihren Tollereien beglückt haben. Sie war einfach ein Familienmitglied.

Auch zwei Jahre später gibt es immer wieder Situationen, wenn ich mit dem Fahrrad über die Felder fahre, dass ich laut nach der Katze rufe. Ein E-Mail vom Haustierregister will wissen, ob das gesuchte Tier verstorben ist, und man es abmelden möchte. Nein, das möchte man nicht. Es gibt Geschichten über Tiere, die nach vielen Jahren zurückkommen.

Mitte August diesen Jahres. Ein Anruf von einem Tierarzt in Stuttgart Degerloch. „Ihre Katze Marzipan ist in Weinstadt aufgegriffen worden. Bitte kommen Sie schnell, das Tier ist schwer verletzt“. Das kann nicht wahr sein, Freude und Angst sind ganz nah beieinander, wir haben ein altes Schmusetuch mitgenommen, damit sie sich zuhause fühlen kann …. Die Fahrt zum Tierarzt durch den Berufsverkehr nach Degerloch dauert unendlich lang.

Dann dürfen wir ins Behandlungszimmer und da liegt sie, ganz klein. Sie schläft, weil sie Beruhigungsmittel bekommen hat. Sie hat eine riesige Wunde: einen offenen Tumor, so groß wie ein Granatapfel, und bereits weitere kleine Tumoren sind anscheinend spürbar. Alle weinen, die Frau von der Katzenhilfe, die sie in Weinstadt unterm Straßenschild aufgegriffen hat, nach dem sie beim dritten Mal vorbeifahren immer noch im Regen saß und aussah, als ob sie auf was wartet.

Wir streicheln die Katze und können es nicht fassen. Die Tierärztin meint, dass das Tier zu gepflegt sei, um 3 Jahre auf der Straße gelebt zu haben. Sie vermutet, dass sie damals aufgegriffen oder einfach mitgenommen wurde und trotz Tätowierung im Ohr nicht zurückgegeben wurde. Als sie sichtbar krank wurde, hat man sie ausgesetzt. So was käme leider öfter vor.

Wir sind fassungslos vor Trauer, vor Wut und weil es ein Wunder ist, dass die Katze uns nun doch gefunden hat.  Die Tierärztin rät ab, zu operieren: zu viel Schmerzen und keine Aussicht auf Heilung. Wir sitzen im Sterbezimmer beim Tierarzt mit unserer kleinen schwerverletzten Katze und weinen und halten und streicheln sie und weinen. Sie ist immer noch die hübscheste Katze der Welt. Die offene Wunde stinkt. Marzipan hat immer nach „Blume“ gerochen.

Vielleicht merkt sie, dass wir da sind, erkennt unsere Stimmen, oder sie riecht das alte Schmusetuch aus ihrem Katzenkörbchen. Sie schläft ganz ruhig. Während wir sie halten sind wir ganz still und hören einander beim Atmen zu.

Nach einer Stunde ist die Entscheidung getroffen. Marzipan bekommt eine Spritze, damit sie sterben kann. Wir konnten uns voneinander verabschieden, weil sie sich hat finden lassen. Was für ein Zufall, fast ein kleines Wunder. Ein kleines Wunder mit traurigem Ausgang.

 

Warum ich das jetzt schreibe?

Weil es mich unfassbar traurig macht, wie wir mit Tieren umgehen, wie wenig Respekt wir vor Lebewesen haben, die uns anvertraut sind.

Weil ich wissen möchte, wo meine Katze die letzten drei Jahre war und bei wem? Wer hat sie mir möglicherweise weggenommen?  Oder, wer hat sie, wenn sie sich wirklich verlaufen hatte, nicht zum Tierarzt gebracht, damit sie zu mir  zurück kann und sie dann nicht zum Tierarzt gebracht, als sie krank wurde, weil man sich die Tierarztgebühr sparen kann? Über Hinweise freue ich mich.

Und ich schreibe es, weil ich Danke sagen möchte, an alle die, die Tieren in Not helfen und dafür Zeit und Geld und viel Engagement einsetzen.

In unserem Fall war es die Katzenhilfe Stuttgart e.V.

Wer helfen mag, hilft:
Spendenkonto IBAN: DE03 6005 0101 0002 8195 98 | BIC SOLADEST600

 

Wer Informationen für mich hat, kann mich gerne anschreiben oder anrufen:
info@rosa-budziat.de oder 0163 275 76 98

 

 

 

 

 

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