Das Hausbuch für die deutsche Familie – ein Fundstück

Das heimische Bücherregal – bewährte Kost halt, wenig frequentiert, meist zu selten abgestaubt und oft lediglich imageförderndes Mobiliar („Das alles hast du gelesen?“). Lockstoff pur hingegen: das öffentlich-offene Bücherregal vorm Waiblinger Karo. Wie spannend, einfach so ins Ungekannte zu greifen- und diesen Schatz in Händen zu halten: „Die Frauen verstehen es besser das Geld einzuteilen und richtig auszugeben … geben wir es doch ruhig zu“ steht da in unverrückbar-zeitloser Wahrheit.

Und dann wird’s wunderbar retro: „Aber Männersache ist es, das Geld zu verdienen. Ich habe besonderes Glück gehabt! Meine Frau teilt meine Auffassung. Wer gut versorgt und nett behandelt werden will, der braucht nur im Konsum zu kaufen. […] Darum sage ich meinen Arbeitskollegen und Freunden immer wieder: Auf zwei Dinge kommt es an: Auf `ne vernünftige Frau und auf `ne gute Einkaufsquelle! Macht`s wie wir – kauft dort wo wir kaufen! Der Konsum ist für alle da.“

Die Frauen verstehen es besser …



Dieser Hinweis findet sich auf der Rückseite vom „Hausbuch für die deutsche Familie“, herausgegeben 1956 vom Bundesverband der deutschen Standesbeamten e.V. in einer Sonderauflage für Waiblingen. Was für ein herrlich angestaubter Erkenntnisgewinn.

Der Inhalt des Buches ist nicht weniger aufschlussreich. Direkt vor dem Merkblatt für Eheschließende („Gesundheit von Mann und Frau ist ein Grundpfeiler für das Glück in der Ehe.“) findet sich Anzeige der Waiblinger Firma Albert Ries. Sie wirbt für Nähmaschinen der Marke Pfaff. „Seit fast einem Jahrhundert nähen Millionen in aller Welt auf Pfaff.“ Darüber hinaus werden kostenlose Näh- und Stickunterweisungen bei Lieferung in Aussicht gestellt.

Rechtliche Fragen in Ehe und Familie wird werden von Dr. K. Schäfer erklärt. „Das Gleichberechtigungsgesetz bestimmt: Der Ehe und Familienname ist der Name des Mannes. […] Daß der Name des Mannes zum Ehe- und Famliennamen der Ehegatten bestimmt wurde, ist nicht ein Ausfluß aus einer bevorrechtigten Stellung des Mannes, sondern beruht auf praktischen Erwägungen der Ordnung und Übersichtlichkeit.“ Immerhin – ein Doppelname (Müller-Schulze) ist gestattet.

Im Kapitel Heim und Haushalt geht es um die Einrichtung der Wohnung („Die Küche ist das eigentliche Reich der Hausfrau. Damit man rasch und ohne zu großen Kraftverbrauch darin arbeiten kann, muss sie zweckmäßig eingerichtet sein. Sie soll auch freundlich wirken, da die Hausfrau einen guten Teil des Tages in ihr verbringt“) und die Zusammenstellung des Hausstandes. Hier empfehlen sich die Waiblinger Firmen Gardinenhaus Schatz für Tapeten, Linoleum, Teppiche, Läufer und Gardinen und das Haushaltswarengeschäft Fritz Mayer für Kaffee- und Tafelgeschirre von der „Weltmarke des Porzellans“, der Firma Rosenthal. Als Putzgeräte werden der fleißigen Hausfrau unter anderem ein Blocker samt Blockerreiniger, ein Mop und ein Möbelpinsel ans Herz gelegt. Der Staubsauger ist wird als arbeitssparendes Gerät angespriesen. Richtig angewendet könne er der Hausfrau fast die ganze tägliche Zimmerreinigung abnehmen.

Bei Wäsche und Kleidung wird dringend geraten, „nicht die billigste Ware zu wählen“. Es sei „bestimmt wirtschaftlicher, sich da zumindest für die mittleren Preislagen zu entscheiden.“ Und „beim Einkauf von Damenwäsche muss man sich vorher überlegen, ob man bereit ist, für die Schönheit des Wäschestücks ein Übermaß an Zeit für das Bügeln zu opfern.“

Die Pflege und Führung des Haushaltes wird unterteilt in die kleine und die gründliche Reinigung sowie den Großputz. Fazit: Niemand freut sich auf die Putzerei, aber wenn man fertig ist, freut man sich an der sauberen Wohnung. Zum Trost: „Die meisten Mädchen haben eine angeborene Freude und Begabung für Haushaltsdinge“. Hier empfehlen sich wieder mal zwei Waiblinger Unternehmen. Die Stadtwerke raten zu einer Elektroküche selbst im kleinsten Raum und Karl Schnabel fertigt in seiner Werkstätte in der Karlstraße Möbel in handwerklicher Ausführung.

Die „Vorschläge für den Küchenzettel“ lesen sich wie eine topaktuelle Einkaufsliste für saisonale Rezepte. Im Mai gibt es gelbe Rüben, grüne Kräuter, Radieschen und Rhabarber, wir kochen zur Resteverwertung Brotsuppe mit Gemüse und einen Quarknudelauflauf mit Fruchttunke. Beim Messerschmiedmeister Fr. Eisele gibt es die passenden Bestecke, in der Sauerkonservenfabrik Karl Kübler Ochsenmaulsalat und Delikatess-Sauerkraut.

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Elektro–Merz in der Schmidener Straße bietet als Helfer der Hausfrau die Technik im Haushalt, Eugen Merz hat vielseitige Experimentierkästen für Jugen von heute – Techniker von morgen im Angebot, gesundheitstechnische Einrichtungen gibt es im Fachgeschäft bei Flaschnermeister Theodor Röger und wenn dann mal was daneben geht wissen wir: Rasch reinigt Rösler. Wer im Reformhaus von Michèle Bälz kauft, dient seiner Gesundheit und erhält eine umfangreiche Erklärung, warum Reformwaren nicht wirklich teuer sind, denn eine altbekannte Erfahrung lehrt, dass das scheinbar Teure in Wirklichkeit das Billigere ist.

Und so endet dieser Ratgeber mit zahlreichen Koch- und Backrezepten, einem Inserat des Kohlenhändlers Paul Mannal in der Lindenstraße und einer Anzeige des Buchhandels mit der Empfehlung: „Dieses Buch soll nicht das einzige auf Ihrem Bücherbrett sein! Gehen Sie ruhig in die nächste Buchhandlung und stöbern Sie dort nach Büchern – für Sie zur Unterhaltung, Belehrung und Weiterbildung. […] Sie brauchen nicht zu denken, daß Sie gleich kaufen müssen; der Buchhändler drängt Sie nicht dazu, aber er berät Sie gerne, auch wenn es erst für später ist!“

Was auch immer den vorherigen Besitzer dazu veranlasst hat, das Buch auszusortieren und in das offene Bücherregal am Karo zu stellen – ich habe mich sehr gefreut, dass es mir in die Hände gefallen ist. Es ist ein Stück Lokal- und Zeitgeschichte!




2 Kommentare

  1. Ich bin ja ein großer Fan solcher Bücher! Ich habe auch Bücher aus den 20er Jahren, die Buchreihe Ich kann kochen, stricken, haushalten usw.
    Toll zu lesen was früher Alltag war und rechtlich geregelt.

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