Totenkopfs Turm totalsaniert

Es tut sich was am Mühlkanal. Eine der idyllischten Ecken der Waiblinger Altstadt steckt schon seit Wochen im Stahlkorsett. Der Karzerturm unterhalb der Nikolauskirche wird generalsaniert, vom Keller bis zum Dach schick gemacht, nicht zuletzt für die Remstal Gartenschau 2019.

Karzerturm am Mühlkanal mit Baugerüst

Vorstand und Beirat des Waiblinger Heimatsvereins durften sich dieser Tage bei einer Baustellenführung durch die untere Denkmalschutzbehörde vom Baufortschritt überzeugen. Der Turm, im malerischen Ensemble mit Mauergang, Kapelltor und Apothekergarten stadtbildprägender Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung an der Rems, ist eines der ältesten heute noch erhaltenen baulichen Zeugnisse Waiblinger Stadtgeschichte. Michael Gunser, Leiter des Waiblinger Hochbauamts und Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde in Waiblingen, der es sich in seiner Funktion als Beirat des Heimatvereins nicht nehmen ließ, persönlich über die Baustelle zu führen, bezeichnet das historische Gemäuer gar als einen „für viele Waiblinger identitätsstiftendenden Teil der Altstadt“.

M. Gunser, Fachbereichsleiter Hochbau / Untere Denkmalschutzbehörde; Foto: Wiedenhöfer

Die Laube auf dem Turm, lauschiger Platz mit Traumblick aufs Grün der Erleninsel, wird von maroden Holzteilen befreit und ab Frühjahr 2018 in neuem Glanz erscheinen, ohne den Zauber der, immerhin bereits aus der Biedermeierzeit stammenden, Gartenlaubenromantik zu verlieren.

Die Laube auf dem Karzer wird ausgebessert; Foto: Wiedenhöfer

Einen Stock tiefer, im eigentlichen ‚Karzer‘, dem über den Wehrgang der Stadtmauer zugänglichen Turmzimmrt, hauste von je her und haust auch zukünftig der berühmt-berüchtigte Totenkopf. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll sich dieser allerdings während der Bauarbeiten einen ruhigeren Teil der Stadtmauer als Übergangsquartier gesucht haben.

Außenmauer mit Schießscharte des Karzers; Foto Wiedenhöfer

Tatsächlich bringen die Bauarbeiten insbesondere im unteren Teil, dort, wo am Fuß der mächtigen Stadtmauer der Mühlkanal fließt, überraschendes zu Tage. Offensichtlich diente der Turm einst als befestigter Zugang zum Wasser. Zugemauerte Torbögen lassen vermuten, dass hier früher eine Art „Zwinger“, ein durch eine Schutzmauer gesicherter Weg, aus der Stadt heraus führte.

Zugemauerter Durchgang Richtung Bädertörle im Turmsockel; Foto: Wiedenhöfer

Möglicherweise diente der Bereich am großen Mühlrad hinter der Bürgermühle, die an dieser Stelle bereits seit seit dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt ist, als Anlande- und Umschlagsplatz und stand vielleicht sogar in baulicher Verbindung mit dem angrenzenden ehemaligen Schlossbezirk.

Das Mühlrad der Bürgermühle; Foto: Wiedenhöfer

Platz zwischen Mühlengebäude, Mühlrad und Karzerturm; Foto: Wiedenhöfer

So könnte auch ein vermuteter Zugang zum Mühlkanal aus der mächtigen verschachtelten Kelleranlage unter dem alten Dekanat und dem Nachbargebäude in der Kurzen Straße ein Hinweis darauf sein, dass der Bereich zwischen der Dreitoranlage unterhalb der Nikolauskirche und dem Bädertörle einst den direkten Zugang von der Altstadt zum Wasser ermöglichte.

Dass der Mühlkanal in diesem Bereich vor noch gar nicht allzulanger Zeit komplett anders aussah, belegt ein Foto aus den 1930er Jahren: am Fuß des Karzerturm wuchsen damals Weinstöcke. Wäre doch ein schönes Projekt für die Remstal Gartenschau 2019, diesen historischen Weinberg an der Stadtmauer wiederzubeleben! Wir bleiben dran …

Historische Aufnahme des Karzerturms in den 1930er Jahren mit Weinbepflanzung; Foto: Archiv Heimatverein Waiblingen e.V.

Weitere Informationen im Geschichtspotal des Heimatsvereins

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Was fehlt in Waiblingen?

Leere Schaufenster, die traurig in die Waiblinger Fußgängerzone blicken. Der Laden ausgeräumt, die Boutique, die jahrzehntelang die Waiblinger Damenwelt mit modischem Chick versorgt hat – geschlossen.

In der samstäglichen Einkaufshektik hat sich vor dem seit kurzem leerstehenden Geschäft in der Langen Str. 53 eine Menschenmenge gebildet, es wird angeregt diskutiert. Mittendrin Andrea und Silke: „Es war eine spontane Idee. Wir haben beim Hausbesitzer gefragt, er hatte nichts dagegen, weiß selbst noch nicht wie es hier weitergeht.“ Also haben die beiden kurzerhand ein Ideenfindungshappening auf die Beine gestellt. Was fehlt in Waiblingen? Was soll rein, wenn der Laden neu vermietet wird? Jeder darf seine Idee auf ein buntes Zettelchen schreiben und an die Schaufensterscheiben heften.

Abgefahrene Vorschläge sind dabei, so wird Waiblingen das Fisch-Fußpflegestudio wohl erspart bleiben. Ein kleines Mädchen hat seinen Wunsch nach einem Geigenladen gleich mehrfach geäußert. Was nicht kommen soll, steht da auch: Friseure, Handyshops, Bäcker und Optiker, nein danke, gibt’s schon ausreichend. Wie wär’s mit einem Repair-Café, oder vielleicht irgendwas mit Kinderspielecke? Ein häufiger Wunsch ist ein schwäbisches Lokal. Richtig so, im Vergleich mit dem Umland ist die Waiblinger Innenstadt ja wirklich Gastro-Diaspora, anerkanntes Wirtschafts-Notstandsgebiet. Mode für die Dame fortgeschrittenen Alters ist auch ein Thema, das mehrfach auftaucht.

Allein, ob sich der Vermieter nach den Wünschen richtet, bleibt abzuwarten. Da werden sicherlich auch harte ökonomische Fakten zählen. Die Passanten finden jedenfalls Gefallen daran, mitreden zu dürfen. Die Diskussion ist eröffnet: Was fehlt in Waiblingen?

Wir freuen uns auf Kommentare …


  
  
  

Wie weit weg ist Heidenau?

Wie weit weg ist Heidenau? Nun, so circa 510 bis 530 km, je nachdem ob man die A9 über Nürnberg oder die A72 über Würzburg nimmt. Das Städtchen hat übrigens einiges gemein mit Waiblingen, liegt im Speckgürtel einer Landes-hauptstadt, wunderschön direkt am Fluss, und hat einen sehr hohen Freizeitwert mit herrlicher Natur rundherum. Alles rein geographisch gesehen. Und ideologisch? Dieser Tage zeigen wir ja alle gern mit dem Zeigefinger aus vermeintlich sicherer Entfernung auf Heidenau, wo der rechtsradikale Mob gegen hilflose Asylbewerber pöbelt.
Ideologisch ist man sich manchmal näher als man denkt – oder befürchtet. Neulich in der Sauna eines Waiblinger Fitnesscenters: da sitzen und schwitzen die Wohlstandsrentner und Weltversteher, ziehen ordentlich vom Leder und erklären lautstark was ihrer Ansicht nach Sache ist. Die „Ungarn bauen jetzt einen Stacheldrahtzaun“, den „müsste man unter Strom setzen“. Am besten „das Pack nicht mit Schiffen übers Mittelmeer schippern, sondern gleich Erster-Klasse-Flugzeuge schicken“, bei der Erwartungshaltung die die haben. Und dann „überm Meer die Türen aufmachen!“ „Jeder hat ein Handy von denen und die kriegen alles hinten reingesteckt, Fahrräder und so weiter“ aber „eine Dreigangschaltung, nein, das ist denen ja nicht gut genug, da wussten wir als wir Kinder gar nicht, was das ist“ (ja klar ihr seid ja auch nicht Fahrrad gefahren sondern vermutlich eher marschiert…). „Da fehlt der AH, nur für ein viertel Jahr, der würd‘ mal wieder ordentlich aufräumen“.
Oh Herr, schmeiß Hirn ra, oder Backsteine – egal, Hauptsache du triffst. Ein kackbrauner Saunaaufguss. Nicht in Sachsen, nicht vor 75 Jahren. Hier und heute. Wie weit weg ist Heidenau?
Nachtrag: heute habe iche einen passenden Blogbeitrag entdeckt, der absolut lesenswert ist Entscheide dich endlich, Deutschland