Schafft Natur Kunst?

von Klaus Riedel

Im Rahmen des Projekts „Natur schafft Kunst“ wurde 1995 die „Kapelle für einen sterbenden Baum“ in der Talaue geschaffen. Über zwanzig Jahre hat die Natur also weiterhin Kunst geschaffen und – entsprechend der jeweiligen Jahreszeit – erhalten. Ganz im Sinne des Projektes.

Die Kapelle für einen sterbenden Baum im Juli 2016 Fotos: Jürgen Blocher

Nagte nun wirklich der Zahn der Zeit an der Kapelle? War sie der Kunstlichtung im Weg? Wann und wo wurde von einer „Integration“ der Kapelle in die Kunstlichtung gesprochen bzw. geschrieben? Fragen, auf die es kurze, klare Antworten gibt.

Bis heute hatte es die Natur geschafft, das Objekt zu erhalten. Die Bilder aus dem Sommer 2016 zeigen diese wunderbare Kraft der Natur. Je nach Jahreszeit sah die Kapelle anders aus. Ganz nach dem Motto, „Natur schafft Kunst“. Von Integration in die Kunstlichtung war meines Wissens nie die Rede. Führte erst die Verschiebung der Kunstlichtung zur Kollision? Ohne genaue Kenntnisse entsorgte dann die Gartenbaufirma die „Kapelle“. Sie war nicht einsturzgefährdet. Im Gegenteil. Die Vegetation hätte auch in diesem Jahr und in den folgenden Jahren für ihr Leben gesorgt.

Ingo von Pollern hat Recht, wenn er es so kommentiert: “Das hätte nicht passieren dürfen“. Auch der Ärger von Alfonso Fazio ist nachvollziehbar. Die Kritik an Kunstlichtung und Vorgehensweise wird bleiben.

Doch nun hat sich wunderbar gefügt, dass dem „Künstler des Vergänglichen“ offenbar gleich wieder ein neuer Auftrag zuteil wird. Da können wir doch alle zufrieden und beruhigt sein. Ganz nach dem Motto: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“.

 

Und so sieht das Gelände im März 2017 aus:

 

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Ist das Kunst oder kann das weg?

von Peggy Wagner

Die Bauarbeiten in der Talaue für die Kunstlichtung im Rahmen der Remstalgartenschau haben begonnen. Da mein Balkon direkt über dem Fußweg am Remsufer gegenüber der Baustelle liegt, konnte ich Zeugin der Kommentare einiger Spaziergänger/- innen werden. So sagte eine ältere Dame: „Jo, weils soo saudeier wird, hods hald für schee nemme glangt!“ Ihre Begleiterin sagte dazu: „Genau, ond weil se bei dr Stadt glei gwist hend, dass des a Geldgrab geid, sieht‘s au aus wie a Friedhof.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen lauschte ich den Ausführungen einer jungen Mutter mit ihrer Tochter. Sie erklärte, dass hier im letzten Krieg ganz viele Leute gestorben seien bei einer großen Schlacht, und damit man die nicht vergisst bekommen die jetzt auch einen Friedhof wie beim Opa. Ich fragte mich, ob ich da vielleicht etwas in Geschichte verpasst habe, als zwei ältere Herren vorbeigingen und der eine sagte: „Wenn de do a Grab kaufschd, ko dr Todagräbr dr glei no an Taucherazug nufschwätza, em Fall dass Hochwasser kommt.“ Ich musste mich sehr anstrengen, um nicht laut loszuprusten. Zwei Joggerinnen mit ihren Hunden witzelten, Blinkhalsbändchen um einen der neuen Bäume machen zu müssen, damit die sich die Hunde beim Beinchenheben nicht verlaufen.

Zugegeben, das alte schwäbische Sprichwort mag manchmal stimmen und man soll einen Ochsen kein unfertiges Werk sehen lassen, aber für mich ist die Kunstlichtung definitiv keine Kunst und kann gerne wieder weg!

Kunst mag im Auge des Betrachters liegen, aber im vorliegenden ward der Kunstsinn vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Hätten die Planer sich etwas in der Kunst gebildet, der sie hier eine Stätte schaffen wollten, wäre eine simple Wildblumensamenmischung auszubringen ein cleverer Kunstgriff gewesen, mit dem Ergebnis, dass sich den Besuchern der Gartenschau eine Landschaft geboten hätte, wie selbst ein Claude Monet sie nicht schöner hätte malen können. Aber das hätte die Kunst der Erkenntnis erfordert, dass schön nicht teuer sein muss und dass letzten Endes nichts so schön sein kann wie die Natur, wenn der Mensch es unterlässt sie zu verschlimmbessern. Doch leider wurde nicht der Entwurf zur Kunstlichtung zu Grabe getragen, sondern auf dem neuen Talauenfriedhof unsere Steuergelder mitsamt dem Kunstgeist, der Vernunft und der schwäbischen Weisheit. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Natur mit schöpferischer Kunst ihre Talaue zurückerobert  – em Fall dass a Hochwasser kommt.

 

Baubeginn in der Talaue

Jetzt wird’s ernst.
Die ca. 220 Pflöcke für die Bäume sind bereits gesetzt.
Das Bild entstand am 08.03.2017

Von den für die Kunstlichtung veranschlagten 540.000 Euro übernimmt übrigens die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung mindestens 300.000 Euro. Wen wundert es da noch, dass die Lichtung in Form des Grundrisses der Galerie Stihl Waiblingen gepflanzt wird?

Nachtrag:


Oh Schreck! Nichts ist ihnen heilig.
Die Kapelle für einen sterbenden Baum, die Helmut Stromsky 1995 im Zuge der Landeskunstwochen geschaffen hat, wurde heute im Rahmen der Baumaßnahmen für die Kunstlichtung entfernt. Auf Nachfrage beim Bauleiter der Firma Link mit Genehmigung der Stadt.

Die Stadtverwaltung spricht in ihrer Pressemitteilung vom Zahn der Zeit, der an dem Kunstwerk genagt habe. Die Standfestigkeit sei nicht mehr gegeben gewesen.

 

Dazu merkt Gerhard Kiunke aus Wailbingen an:

Sehr geehrter Herr Andreas Hesky

Kein guter Start für die unnötige Kunstlichtung.
Wieso kommt die Wahrheit nur auf Nachfrage und auch nur auf Nachfragen von Bürgern zutage? Und dann wieder nur scheibchenweise.
Es ist schon ein riesiger Unterschied, ob man lediglich sagt: „ die Standfestigkeit war nicht mehr gegeben“ oder „das Kunstwerk wurde bei den Bauarbeiten für die Kunstlichtung beschädigt, verlor dadurch seine Standfestigkeit und wurde beseitigt.

Wieso stellt man die Standfestigkeit nicht wieder her?
Wenn etwas beschädigt wird könnte derjenige auch dafür sorgen, dass es wieder in Ordnung gebracht wird.
Wer ist in diesem Fall verantwortlich?
Auch wenn Sie laut und deutlich betonen, dass dieses Naturkunstwerk nicht wegen der Kunstlichtung beseitigt wurde – ein Geschmäckle bleibt.

 

Abbruchhäuser – gelebtes Leben

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Unser Nachbarhaus musste einem Neubau weichen. Im Badezimmer ist derzeit Tag der offenen Tür.

März 2017, Iris Förster

Geschichten, die das Leben schrieb. Was hat sich wohl hinter den Wänden abgespielt bevor die Bewohner ausgezogen sind? Das Badezimmer ist doch eigentlich ein intimer Ort, hier wird alles öffentlich gemacht, indem die Wände eingerissen werden.

Auf anderen Bildern fehlt das schützende Dach, das Fachwerk ist entbeint, lediglich die beiden Fenster im Dachgeschoss schauen wie zwei Augen in die Nachbarschaft.
Schon lange faszinieren mich Abbruchhäuser. Hier eine Auswahl meiner Bilder aus Waiblingen zu sehen.

 

 

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Rückbau vor Abbruch

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Ehemalige Waiblinger Stadtgärtnerei. Heute steht an dieser Stelle das Mehrgenerationenhaus WoGe

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Abbruch in der Karlstraße

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Das alte Waiblinger Krankenhaus wird dem Erdboden gleich gemacht.

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Abbrucharbeiten am Waiblinger Krankenhaus

Wer braucht so ein pseudo-begrüntes Hochhaus?

Wenn schon ein Hochhaus auf der Korber Höhe, dann muss es ein begrüntes sein. So lautete der Beschluss, den die Mitglieder des Planungsausschusses des Waiblinger Gemeinderats im Januar 2016 einstimmig gefällt hatten. Der knapp 60 Meter hohe „grüne Daumen“, an dessen Fassaden Bäume, Sträucher, Stauden und Bodendecker wachsen und für ein gutes Mikroklima sowie Sonnenschutz sorgen, soll auf einem städtischen Grundstück im Wohngebiet Korber Höhe entstehen. Das 4700 Quadratmeter große Areal war vor vielen Jahren als Standort für einen Wohnturm vorgesehen worden – gebaut wurde bislang aber nichts.

Ende April hatte die Stadtverwaltung das Grundstück in regionalen und überregionalen Zeitungen ausgeschrieben, neun Bewerbungen waren eingegangen. Jetzt gab es Misstöne im Waiblinger Gemeinderat wegen des grünen Hochhauses: Dass die Verwaltung einen Investor zum Favoriten erklärt hatte, stieß manchen Räten sauer auf. Nun ist ein Zweitbewerber wieder im Rennen- und die Entscheidung erstmal vertagt. Anlass für Korber-Höhe-Bewohner Karl Hussinger, dazu grundsätzlich Stellung zu nehmen:

So ähnlich könnte der „grüne Daumen“ aussehen. Hier der Entwurf der Architekten Steinhoff/Haehnel mit der GSG Gruppe Stuttgart als Investor.

So ähnlich könnte der „grüne Daumen“ aussehen.
Hier der Entwurf der Architekten Steinhoff/Haehnel mit der GSG Gruppe Stuttgart als Investor.

 

Herr Kasper (CDU) hat recht mit seinen Bedenken bzgl. des „Grünen Hochhauses“. Ein solcher Bau ist mit hohen Risiken verbunden, und so ist es mehr als verständlich, von den Investoren Sicherheiten zu verlangen.
Schauen wir uns die Fakten an:
1. Die Korber Höhe gilt  in Waiblingen nicht als bevorzugtes Wohnviertel. Das sieht die Stadt wohl auch so – wie wäre es sonst zu erklären, dass der Grundstückspreis für den Investor  deutlich unter den Empfehlungen des Immobilienspiegel der KSK liegt?
 2. Die Lage des Hochhaus ist wahrlich „einzigartig“. Wer eine Nord/Ost Wohnung erwirbt, genießt einen wunderbaren Ausblick auf die nur wenige 100 Meter entfernten Hochspannungsleitungen und eine Bundesfernstraße. Macht er das Fenster auf, spürt er das Knistern der Leitungen und  genießt das Rauschen der B14. Der mittlere Quadratmeterpreis für den Wohnungskäufer wurde mit 5750€ benannt. Teure Aufzüge, aufwendige Haustechnik und Grün-Pflege werden die Nebenkosten sicher nicht günstig machen.
3. Aber auch für die Bürger Waiblinges gibt es Risiken – denn über die Umbaukosten des Heizkraftwerk soll erst noch mit dem potentiellen Investor gesprochen werden. Trotzdem zaubert der OB eine Zahl für den Umbau der Kamine aus dem Hut. 100.000€ soll dies kosten. Aber benötigt eine solche Kamin-Rohrverlegung, erst waagrecht, dann senkrecht, nicht auch noch ein Saugzuggebläse, Installationsräume und entsprechende Technik? Allein der Nettowohnflächenverlust über 19 Stockwerke würde den Investor mehr als 100.000€ „kosten“. Erfahrungsgemäß versuchen Investoren solche Kosten auf die Allgemeinheit – hier Stadtwerke und Verbraucher – abzuwälzen
Deshalb war es richtig, nicht nur mit einem Investor zu verhandeln. Wer aber braucht ein solch pseudo-begrüntes Hochhaus? Es ist weder ökonomisch noch ökologisch und schon gar nicht sozial. Es ist einfach nur unnötig.
Noch ein Wort zur SPD: Sie sollte in ihren alten Parteiprogrammen blättern, dort würde sie Begriffe wir „Gemeinnütziger Wohnungsbau“ finden. Vielleicht würde sie sich dann erinnern, wer ihre Stammwähler waren.
 
Karl Hussinger

 

Feinstaub – und das Remstal als Staubsauger Stuttgarts?

Genaue Daten gibt es nicht- deshalb kann man sich jetzt mit dem OK Lab Stuttgart für 30 Euro sein eigenes Feinstaubmessgerät bauen

Von Gisela Benkert

Das Remstal, so geht der alte Spruch, „ist der Staubsauger Stuttgarts“. Klingt lustig? Eher nicht: Seit Monaten ist Feinstaub-Alarm am Stuttgarter Neckartor. Und wohin zieht der Dreck von „Deutschlands schmutzigster Ecke“, wie bundesweit die Medien geißeln? Nach der Staubsaugertheorie zieht er erstmal nach Waiblingen und dann ins Remstal. Bloß: So richtig nachmessen will das bisher keiner. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Wir schnaufen also brav weiter den Stuttgarter Feinstaub ein und wenn die Kehle rau wird und der Hals kratzt und man die Fenster stundenlang nicht mehr aufmachen kann – auch, weil drumherum alle ihre gemütliche Holzöfen befeuern- dann ist das misslich und sicher auch krankmachend. Aber: Nix Genaues weiß man nicht.

Das will das OK-Lab Stuttgart jetzt ändern. „Luftdaten selber messen“ ist der Plan, für rund 30 Euro (bei bequemer Sammelbestellung 35 Euro wegen der Kosten für den Zoll > s.u. ) kann sich jeder, technisch perfekt, ein eigenes Feinstaubmessgerät ans Haus hängen.
Auf Einladung der Waiblinger Grünen hat Lab-Aktivist Frank Riedel jetzt im Grünen Büro in der Mayenner Straße einen Vortrag zum Do-it-yourself- Datensammeln gehalten. Denn, so sagt er, „in Waiblingen ist noch kein einziges unserer Messgeräte am Netz“. Gebastelt wird es dann bei einer zweiten Veranstaltung am 22. März, in 25 Minuten soll alles fertig sein („einfach sieben Kabel einstecken“), wer Lust hat, kann sich noch anmelden. (Mehr Infos dazu ganz unten.)
Hängen die Teile erstmal daheim am Haus, senden sie umgehend ihre Werte ins Netz, ständig einsehbar im Internet unter www.luftdaten.info

Das ist erstmal super innovativ und ein bisschen freaky- bloßes Sammeln bringt uns aber nicht weiter. Das ist ja alles sehr spannend und technisch brilliant und hat bereits weltweit Interresse erregt, weil’s so einfach ist und so bestechend – aber was soll der Datenwust dann bewegen?

Frank Riedel,  der Feinstaub-Versteher

Frank Riedel, der Feinstaub-Versteher, erklärt das Prinzip des Messgeräts für Jedermann, Top-Technik zum Nachbauen im Waiblinger Workshop im März. Bild: I. Förster

Genau diese Diskussion hat Frank Riedel in Waiblingen überrascht: „Die Leute, die ich hier getroffen habe, wollen zu den Sensoren und den Daten zwingend auch die politische Diskussion.“ Wie belastet ist Stuttgart an den schlimmsten Tagen, was zieht wohin, wieviel landet bei welcher Windrichtung und welchem Verkehrsaufkommen im Remstal – und kann man dann womöglich immer noch einen Nordostring bauen zwischen Waiblingen und Fellbach, wie es der Waiblinger Oberbürgermeister Hesky bei jeder Gelegenheit fordert? Mündige Bürger wollen jetzt einfach mal in Waiblingen messen. Wollen Wissen sammeln und Druck ausüben, wenn nötig.

Die Politik steckt ja offenbar noch den Kopf in den-Feinstaub. Beispiel Silvester, der hausgemachte Feinstaub. „Das sprengt jede Deadline“, hat Frank Riedel an vielen Messstellen festgestellt, „und es dauert Tage, bis der Dreck wieder raus ist“. Er will jetzt nicht mehr und nicht weniger „als ein Netz übers Land legen“. Eine einzige landeseigene Messstelle gibt es in Stuttgart – aber 300 private über Riedels Lab sind das Ziel. „Wir nehmen jeden Standort“, sagt Riedel, „wir wollen nicht nur schmutzige, sondern gern auch mal schöne Werte“.

Zur Info: Am 22. März 2017 um 19 Uhr gibt es im Grünen Büro, Mayenner Straße 24 noch mal eine Einführung von Frank Riedel, ab 20 Uhr werden die Bausätze gemeinsam zusammengebaut. Wer für 35 Euro einen Bausatz bestellen will, schickt eine Mail an iris.foerster@gmx.de. Deadline für die Sammelbestellung ist der 15. Februar.
Alle Infos zum Projekt findet man auch unter www.luftdaten.info und unter www.riedelwerk.de

Waiblingen hätte es verdient

oder: Die Unfähigkeit zur Bürgerbeteiligung

„L’art pour l’art“ hat Théophile Gautier Mitte des 19 Jahrhunderts geschrieben. Jean Ziegler nimmt dieses Wort in seiner nicht-gehaltenen Festspielrede von 2011 in Salzburg auf und fährt fort: „Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst, schützt die Mächtigen vor ihren eigenen Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel.“. Weiter hätte er in dieser Rede ausgeführt: „Das Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst“. Fällt einem da nicht umgehend auch die Kunstlichtung in der Waiblinger Talaue ein?

Immer mehr Menschen fühlen sich mit unserer Demokratie nicht mehr in Übereinstimmung und sind unzufrieden. Deshalb wird es immer wichtiger, interessierte Menschen in einer Stadt für einen offenen Meinungsbildungsprozess – auch Bürgerbeteiligung genannt – zu gewinnen. Eine solche Einbindung schafft die Chance, politische Entscheidungsprozesse bürgernäher, transparenter und glaubwürdiger werden zu lassen. Dabei wird gar nicht in Frage gestellt, dass nur gewählte politische Gremien die verbindlichen politischen Entscheidungen zu treffen haben. Wir haben jedoch die Sorge, dass sich immer mehr Bürger entweder von der Politik abwenden oder sich zum Teil neuen, demokratiefeindlichen Parteien und Gruppierung zuwenden.

 

Wir wollen den ernsthaften Dialog

Wer Kritik übt, wird gerne in die Ecke der „ewigen Neinsager“ geschoben. Mit diesem Vorwurf können wir wenig anfangen. Wir haben uns auch in der Vergangenheit immer wieder für ein lebendiges, demokratisches Zusammenleben in unserer Stadt eingesetzt und werden dies auch in Zukunft tun. Wir wollen den ernsthaften, auf Augenhöhe geführten Dialog, auch und gerade über strittige Themen.

Deshalb stellen wir gerade jetzt, kurz vor ultimo, erneut die die so genannte Kunstlichtung in Frage, ein künstlich erzeugtes Gebilde mitten in einer Wiesenlandschaft, die für sich selbst schon wie eine große Lichtung wirkt.

Diese Kunstlichtung soll das Alleinstellungsmerkmal der Remstalgartenschau in Waiblingen werden. Wie ein Mantra wird immer wieder gesagt, dass sie in einer Bürgerbeteiligung entwickelt worden wäre. Stimmt nicht. „Metaplan oder world-café“ ersetzen keine wirkliche Beteiligung, wenn dann die Kärtchen einfach in der Schublade verschwinden. Schon gar nicht mit vielleicht einem Dutzend Beteiligter. Jede ernsthafte Beteiligung von Bürgern setzt die Bereitschaft  voraus, die Dinge auch ganz anders zu regeln als ursprünglich gedacht. Diese Offenheit muss sich Politik erarbeiten.

Zweck einer Bürgerbeteiligung darf es eben nicht sein, Vorhaben nur irgendwie zu legitimieren oder Akzeptanz für das umstrittene Projekt „Kunstlichtung“ zu beschaffen. Genau dies war der Fall. Die Verwaltung hatte die Planung bereits fertig und suchte nur schnelle Akzeptanz, um ihr Vorhaben möglichst reibungslos durchzubringen. Den Bürgern wurde vorgegaukelt, sie hätten mitreden dürfen. Dies und die Wahl des Standortes führten zu kontroversen Diskussionen im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit. Bis heute beschränken sich die Befürworter außerhalb des Gemeinderates und der Verwaltung auf wenige Bürger  und Landschaftsplaner. Zahlreiche Bürger und Vertreter des NABU und BUND brachten hingegen gut überlegte und fundierte Argumente gegen diese Kunstlichtung und ihren Standort vor. Niemand wollte sie hören. Sie störten eher. Niemand erkannte die Chance eines Dialogs mit dem Ziel einer besseren Lösung. Zwei weitere Führungen durch die Verwaltung hatten ganz und gar nicht den Charakter von Beteiligung, sondern waren der untaugliche Versuch einer Erklärung der längst gefallenen Entscheidung. Insgesamt fehlte der ernsthafte Versuch, ein Dialogforum für Lösungen mit offenem Ausgang zu schaffen.

 

Wohin steuert unsere Stadtdemokratie?

Auf diesem Hintergrund hat sich eine Entwicklung unserer Stadtdemokratie ergeben, die nachdenklich stimmen muss. In der jüngsten Haushaltsdebatte wurden im Gemeinderat Beschlüsse – auch  gegen die Verwaltung – gefasst, die widersprüchlicher nicht sein könnten und ihre Spuren hinterlassen werden. Dieser Haushalt, der Verdacht drängt sich auf, scheint in Teilen auch eine Abrechnung zwischen Mehrheitskoalition und Verwaltung zu sein – auf dem Rücken der der Bürgerschaft.

Wir sehen in diesem Haushalt 2017 und darüber hinaus  keinen echten, zukunftsweisenden Plan für unsere Stadt Waiblingen, keine Haltung, kein Versprechen an diese Stadt, Zukunft gemeinsam zu gestalten und dafür ein Forum zu schaffen. Gerade die Projekte der Remstalgartenschau, die von allen ja grundsätzlich gewollt wird, hätten so zum Lehrstück für eine bürgernahe und damit nachhaltige und akzeptierte Politik werden können. Waiblingen hätte es verdient.

Es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken.

Waiblingen, 31. Januar 2017
Gisela Benkert – Jürgen Blocher – Iris Förster – Dr. Alfred Jencio
Konrad Knöner  – Siegfried Künzel – Klaus Riedel  – Dr. Hansjörg Thomae